Alte und aktuelle Schubladen

In der ersten Englisch-Stunde in der Grundschule lernten wir ein paar Wörter. Ich weiß nicht, ob wir den Lehrer gefragt haben – jedenfalls sind wir den ganzen Tag rumgelaufen, haben „You silly goose!“ geschrien und uns kaputtgelacht. Jedes. Mal. Wieder.

Von diesem Zeitpunkt an liebte ich die englische Sprache. Mein Schulenglisch war stockend, gut sprechen konnte ich nicht, aber sobald ich nach der Lehre nach München gezogen bin, war ich jedes Wochenende im „Museum Lichtspiele“, einem uralten Kino, das fast ausschließlich Originalversionen zeigte. Da saß ich dann und zog mir einen Film nach dem anderen rein. Vieles verstand ich nicht. Aber mein Englisch wurde besser. Irgendwann versuchte ich, ein englisches Buch zu lesen. Das ging sowas von überhaupt nicht, dass ich nach wenigen Seiten frustriert aufhörte.

Offenbar war ich unfähig, auf Englisch zu lesen.

Ich sah weiterhin tonnenweise Filme an. Ich verstand Musiktexte. Ich konnte mich auf Englisch unterhalten. Nur lesen eben nicht.

Mit 20 fing ich in einem internationalen Konzern an. Je weiter ich mich nach oben arbeitete, desto mehr Kontakt bekam ich mit Kollegen aus dem Ausland. Nachdem ich jahrelang täglich mit E-Mails und Reports zu tun hatte, klingelte es: Hm. Eigentlich müsste ich ja Englisch lesen können! – Dass ich das den lieben langen Tag eh die ganze Zeit machte, war mir gar nicht aufgefallen. Ich kaufte mir einen Roman, und natürlich konnte ich ihn lesen.

Das Verrückte: Ich hatte mir mit 19 Jahren bestätigt, dass ich nicht Englisch lesen kann, das als Tatsache abgespeichert und es einfach nie mehr probiert. Weil ich wusste, dass ich es nicht kann.

Klingt absurd – da bin ich aber nicht die Einzige!

Als Schreibcoach treffe ich sogar sehr viele Menschen, die von sich überzeugt sind, dass sie nicht schreiben können. In vielen Fällen sagen das Erwachsene von sich, denen damals in der Schule – also vor zwei, drei, vier Jahrzehnten – ein Deutschlehrer gesagt hat, dass sie nicht schreiben können. Oder es ist einfach die miese Deutschnote, die heute noch als Siegel der Unfähigkeit gilt.

Eines meiner Lieblingszitate ist vom britischen Schriftsteller Terry Pratchett:

„Klar kann ich das! Ich habs nur noch nie gemacht.“

Das bringt es auf den Punkt. Wir limitieren uns – oft, ohne es zu merken – durch Schubladen, die wir uns selbst gezimmert haben.

Inventur!

Es lohnt sich, sich mal vor Augen zu führen, wo wir uns in Schubladen stecken. Bei welchen Dingen wir entweder so richtig überzeugt sind, dass wir …

  • untalentiert,
  • nicht gut oder mutig genug,
  • „zu unfähig“ sind.

Oder wo wir uns die Bemerkung eines anderen so zu Herzen genommen haben, dass wir so einen fatalen Schluss gezogen haben.

Mit ganz vorne dabei sind Vergleiche: Als AnfängerIn mit dem Anspruch reinzugehen, dass man nach einer Stunde oder wenigen Wochen das gleiche Können hat wie jemand, der die Sache schon ewig lange geübt hat + ständig trainiert. Oder die Instant-Mentalität, dass was auf den ersten Versuch zu klappen hat.

Mach doch mal eine Liste von allem, wo du glaubst:

  • Das kann ich nicht.
  • Das könnte ich nie!

Und merks ganz bewusst, wenn du dich dabei ertappst, das im Alltag zu sagen (oder zu denken).

Besonders heilsam sind die alten Schubladen! Schau mal zurück: Was tust und kannst du heute, von dem du zuvor überzeugt warst, dass du es „nie“ könntest oder dich nicht trauen würdest? Da gibt es nämlich eine ganze Menge kleiner und großer Dinge, die man mit der Zeit dann doch mal angepackt oder gelernt hat. Nur beachten wir die oft zu wenig.