Auf Autopilot schalten

Aufstehen. Arbeiten. Abend. Aufstehen. Arbeiten. Abend. Manchmal gibt es so Phasen, da rauschen die Wochen nur so durch. Die Tage verschwimmen ineinander, weil sie von Routine und Verpflichtungen geprägt sind.

Läuft es ganz blöd, sind das nicht nur kurze Ausnahmephasen, sondern es plätschert Monate oder sogar Jahre so dahin.

Schaue ich zurück auf mein Leben, habe ich das Gefühl, dass ich zwischen meinem 30. und 40. Geburtstag mehr oder weniger ein ganzes Jahrzehnt verloren habe. Nicht, dass ich da nichts gemacht hätte, ich habe sogar sehr viel gemacht – aber ich war, wenn ich mal so insgesamt draufblicke – eher passiv.

Reagiert und nichts getan

Es gibt ja Phasen, da wird man einfach vom Alltag geschluckt … oder lässt sich schlucken. Damit meine ich noch gar nicht die Extremfälle, wie Schicksalsschläge, gesundheitlich schwierige Diagnosen oder älter werdende Eltern, die viel mehr Zeit und Kraft beanspruchen, als vorher da war.

Ich meine wirklich dieses Reagieren. Das Dahinleben in den mehr oder weniger gleichen Abläufen. Diese Gleichförmigkeit, die die Phasen oft unbemerkt ausdehnt.

Mitunter macht sich dann das „Nur noch“- und „Wenn, dann“-Denken bemerkbar:

  • Nur noch dies und das durchstehen. Ab x wirds entspannter!
  • Das mach ich dann, wenn die Umstände günstiger sind.

Nur leider reiht sich eine dieser Aussagen an die nächste. Und während man im Autopilot den Alltag so dahinlebt, abarbeitet oder vor lauter Verpflichtungen gar nicht mehr die Energie hat, groß was in der Freizeit zu tun, kann schon mal ein Jahr an einem vorbeizischen. Oder zehn.

Das rollende Auto

Hin und wieder fällt mir ein, was ich vor bestimmt 25 Jahren mal in irgendeinem Seminar gehört habe:

Wenn du ein Auto anschieben willst, ist es wahnsinnig schwer, es überhaupt ins Rollen zu bringen. Aber wenn es mal rollt, musst du Kraft aufwenden, es stoppen zu können.

Ich finde, das ist eine exzellente Analogie!

Denn um aus der Autopilot-Routine rauszukommen, muss man etwas anderes machen. Das ist für manche Leute leichter, als für andere.

Natürlich spielt es eine Rolle, woraus dein Alltag so besteht:

  • Bist du nur mit der Zeit immer passiver geworden und in einer dumpfen Routine gelandet, die du komplett selbst in der Hand hast?
  • Oder gibt es weitere Einflüsse und Verpflichtungen, von denen du dich fremdbestimmen lässt?

Das klingt jetzt vielleicht provokant, wenn ich sage „fremdbestimmen lässt“. Damit will ich keinesfalls sagen, man kann Verpflichtungen immer ändern. Manchmal schon, wenn es Verpflichtungen sind, die man sich ständig selbst aufhalst [sich immer für alles verantwortlich fühlt oder zu oft „ja“ schreit, obwohl es andere auch machen könnten]. Denn auch sowas wird schnell zum Selbstläufer, und dann ist es halt so.

Doch es gibt natürlich aktuelle Umstände, die in der Priorität ganz nach vorne rutschen. Die zusätzlich zum meist eh schon vollen Alltag reindrücken. Was dann aber meist hinten runterfällt, sind wir selbst.

Und genau dieses Bestimmenlassen, dieses Sich-selbst-ganz-weit-hintanstellen, füttert den Autopilot. In meinem verlorenen Jahrzehnt habe ich viel gemacht, allerdings habe ich mich hauptsächlich um meine Arbeit gedreht. Ja, ich bin ins Fitnessstudio gegangen, habe enge Freunde getroffen und mich abends ausgeruht, indem ich englische Serien geschaut habe. Alles, was ich gerne tue. Doch genau diese ständig gleichen, äußerst passiven Abläufe führen in den unguten Autopiloten.

Vor zehn Jahren habe ich beschlossen, dass es höchste Zeit ist, mich selbst mehr in den Mittelpunkt zu stellen. Seit ich meinen Alltag mehr aktiv aufmische, immer wieder was Neues anders mache, neue Dinge lerne, passiert wieder mehr.

Klar bleiben gleichförmige Phasen nie aus, doch immer dann, wenn man nur so ins Abarbeiten gerät und die immer gleichen Abläufe macht, tickt die Uhr schneller. Dann lassen wir uns die Zeit durch die Finger rinnen.

Darum finde ich das Bild vom Autopiloten auch so gut. Denn den Autopiloten müssen wir bewusst abschalten, wenn er uns stört, und das heißt: Aktiv was anderes tun. Die Betten unseres Lebens aufschütteln. Selbst wieder das Steuern übernehmen. Auch wenn es nur Kleinigkeiten sind, die die Gleichförmigkeit durchbrechen.

Dann kommt das Auto ins Rollen.