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Balkongäste – von der Natur lernen

München ist prinzipiell recht grün, in meiner Nachbarschaft gibt es zwischen den dicht gebauten Mietsreihenhäusern viele kleine Schrebergärten. Mein Homeoffice ist unterm Dach. Seit vor drei, vier Jahren das erste Eichhörnchen über meinen Balkon gehüpft ist, geht es hier teilweise zu wie am Stachus.

Umso lustiger, weil ich den kahlsten Balkon unter der Sonne habe: Metallboden, nix Blumenkästen. Früher war da gar nichts drauf. Nicht mal ich, weil es unfassbar heiß draußen wird, und weil der Nachbarbalkon direkt dranklebt.

Ich gehöre zur Kategorie „Grottenolm“, habs nicht so mit Geselligkeit: Meine Tierfreunde hingegen sind ein Quell der Freude. Die besten Arbeitskollegen, die ich mir vorstellen kann! Sie sind süß, ich kümmere mich und an manchen Tagen sind es die Einzigen, die hier richtig produktiv sind. 😉

Auch in puncto Konsequenz lässt sich viel von ihnen lernen.

Die Eichhörnchen: Neugierig dranbleiben

Eichhörnchen sind fleißige Leute. Zwei-, dreimal im Jahr kommen die Babys zu mir. Sie entdecken gerade noch die Welt. Neben den Nüssen, die offen herumliegen, habe ich einen „Nussal-Schrank“: Vorne ist eine Klarsichtscheibe, durch die man die Nüsse sieht. Oben ein Klappdeckel.

Es ist immer sehr lustig zu beobachten, wie die Hörnchen damit umgehen. Die wenigsten kapieren auf Anhieb, wie sie an die Nüsse kommen.

Ich hab übrigens dieses Futterhaus, das gemeinsam mit der „Eichhörnchen-Hilfe Stuttgart“ entwickelt wurde. Das gibt’s zwar nicht mehr, aber beim Kauf bitte drauf achten, dass die Scheibe vorne nicht bis ganz rauf geht, sondern ein wenig Freiraum fürs Köpfchen ist. Denn wenn ein Hörnchen sich grad was rausholt und ein anderes auf den Deckel springen würde, kann es zu Verletzungen kommen.

Es gibt die forschen Hörnchenkinder, die sofort neugierig hinsprinten, draufhüpfen, von allen Seiten schauen, wo denn da jetzt der Zugang ist. Die ganz Mutigen stecken ohne zu zögern ihren Kopf durch die Aussparung, erschrecken dann aber erstmal, wenn sich die Klappe bewegt.

Die meisten schauen sich das Ganze erst einmal aus sicherer Entfernung an. Sie knabbern eine herumliegende Nuss und setzen sich mit Blick zum Schrank, um die Lage zu checken. Beim nächsten Besuch gehen sie etwas näher ran. Immer noch holen sie sich lieber die Nüsse, die offen daliegen, aber sie beäugen genau das seltsame Konstrukt mit dem begehrten Nuss-Stapel ganz genau. Irgendwann geht dann das Untersuchen los. Sobald sie die Klappe zum ersten Mal versehentlich anlupfen, schrecken sie zurück. Meistens holen sie sich dann eine Nuss vom Teller und verhalten sich fast so, wie Menschen, die so tun, als wäre nix gewesen. Lalala, ich ess hier nur. Ich habe mich nicht erschreckt!

Manche Hörnchen brauchen länger, bis sie den Bogen raus haben. Andere verstehen es nach wenigen Versuchen. Aber alle bleiben dran, bis sie die Nüsse rauskriegen! Noch eine weitere Parallele finde ich lustig: Obwohl ich stets Nüsse offen herumliegen habe, holen sich die Hörnchen, die frisch verstanden haben, wie es geht, gerne die Nuss eigenhändig aus dem Schrank. Ob sie das Gelernte vertiefen? Ob eine selbst geborgene Nuss sich besser anfühlt – so, wie wir Menschen uns so richtig toll fühlen, wenn wir etwas selbst gemeistert haben?

Die Tauben: Niemals aufgeben

Der erste Tauberich, der auf den Balkon flatterte, war der Toni. Da er regelmäßig, aber alleine kam, hat er mich nicht gestört. Nach einiger Zeit brachte er seine Frau mit, die Vroni. Jetzt war es an der Zeit, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen: Eine Futtersäule für Singvögel musste her. Garantiert nur für leichte Vögel! Tauben haben darauf keinen Platz und sind viel zu schwer!

Genau das, was ich brauche.

Ich hänge die Säule testweise am Balkongeländer auf, drehe mich um und gehe ein paar Meter in mein Wohnzimmer … Bäm! … hat sich der Toni bereits draufgequetscht, seinen Wanst fest gegen die Säule gepresst, damit er sich auf der kleinen Sitzstange irgendwie halten kann. 🙂 Sonnenblumenkerne räubern klappt zwar nicht, weil er das Futterloch blockiert, aber einen Versuch ist es allemal wert.

Seitdem habe ich gelegentlich Tauben hier, die schauen, ob sie was abstauben können und einen Schluck trinken. Trinken darf bei mir jeder.

Tauben sind äußerst beharrliche Zeitgenossen, die geben nicht so schnell auf! Mal headbangen sie ein Stückchen Nuss aus der Schale, das ein Eichhörnchen übrig gelassen hat, mal hängen sie wie die Kolibris an den Futtersäulen der Nachbarn. Tauben haben übrigens erstaunliche Flugskills.

Besonders fällt auf, wie sie mit Ängsten umgehen lernen. Auch bei den Tauben gibts die forscheren und die übervorsichtigen Persönlichkeiten. Doch beide haben eins gemein: Sie wägen das Risiko ab. Beim ersten Fuchteln fliegen sie alle weg. Ein paar bleiben sofort fern, doch bei denen, die wiederkommen, erlebe ich, wie schnell sie sich trauen, sich ihrer Angst ein wenig mehr zu stellen. Oder, etwas weniger vermenschlicht ausgedrückt: Wie sie durchs Immer-wieder-Tun lernen, die Sache besser einzuschätzen. „Ah, da fuchtelt die Frau wieder. Letztes Mal hat sie mir nix getan.“ – „Die ist zu weit weg, um mir was zu tun. Erst mal abwarten.“

Der Specht: Das mach ich jetzt einfach!

Nach einiger Zeit kam die Buntspecht-Familie. Spechte kommen selten, weil bei mir die Nüsse unter einem Hocker liegen. Hin und wieder hopst einer ungelenk am Boden rum. Man merkt, dass sie das nicht so gerne tun, aber gelegentlich überwinden sie sich und dafür ergattern sie dann eine schöne Nuss.

Die Spechts, zumindest einer davon, ist buchstäblich mit dem Kopf durch die Wand: Am Eck unseres Hauses hat er ein kreisrundes Loch in die Fassade geklopft.

Buntspechte mag ich noch aus einem anderen Grund: Sie sehen so extravagant, ja fast ein wenig irre aus. Bei den anderen Vögeln denke ich „awwww, süß“! Bei Buntspechten höre ich wilde Rockmusik im Kopf.

Die Krähe: Kalkuliertes Risiko

Vor Krähen habe ich Respekt. Sie sitzen oft in großen Trauben auf den Dächern oder in den Wiesen, verbreiten DIE-VÖGEL-Atmosphäre, aber auf den Balkonen sind sie kaum. In letzter Zeit hat eine Krähe spitz gekriegt, dass es hier Nüsse zu räubern gibt.

Die Krähen sind deutlich vorsichtiger als die beharrlichen Tauben. Die Krähe brauch ich nur anschauen, dann entscheidet sie „Lieber nicht, tschüss!“ und macht sich aus dem Staub. Sogar wenn ich am Schreibtisch sitze, der sagenwirmal 20 m von der Balkontür weg ist!

Trotzdem checkt sie immer mal die Lage. Sie äugt zum Fenster rein, wägt ab und wenn ich nicht gleich hinschaue, wagt sie ein paar Hüpfer und klaut sich eine Nuss.

 

Das ist mein Beitrag für Silke Bickers Blogaktion „Vom Wert der Natur in der Selbstständigkeit“.