„Das macht man doch nicht!“

Meine Eltern waren nicht sonderlich streng. Aber sie haben uns von klein auf beigebracht, dass es andere Menschen gibt. Dass man „Grüß Gott“, „bitte“ und „danke“ sagt. Dass man zur Seite geht und Türen aufhält.

Dass es Nachbarn gibt, die ein Recht auf Ruhe haben. Dass wir unseren Müll wieder einstecken und mitnehmen, wenn wir draußen sind.

Viele Jahrzehnte ist die Natur mehr oder weniger an mir vorbeigegangen. Ich bin zwar gebürtige Garmischerin, aber eher eine von der Sorte „Berge? Hast einen gesehen, hast du alle gesehen!“ Als passionierte Stubenhockerin habe ich eher selten im Grünen stattgefunden.

Seit einigen Jahren ist das anders. Ich bin öfter draußen und die Natur kommt zu mir auf meinen kleinen Stadtbalkon. Plötzlich kenne ich Horden von Eichhörnchen persönlich, sehe schwangere Mamas und viele kleine Minis. Alle möglichen Vögel schauen vorbei. Und so habe ich mich mit der Zeit immer mehr interessiert und gegoogelt: Wie lebt XY so? Ist Z ein Feind? Und was machen die bloß alle, wenn es schlimm stürmt?

Außerdem schaue ich tonnenweise Tier-Videos. Dabei stößt man ständig auf das vermaledeite Plastik: Tiere aller Art, die ihren Kopf durch To-Go-Plastikdeckel oder in Becher stecken und nicht mehr rauskommen. Meeresbewohner, die sich in Netzen verheddern. Mein Mann hat letztes Jahr mit mehreren engagierten Passanten eine Möwe befreit, die eine Schnur so fest um Schnabel und Flügel gewickelt hatte, dass sie gestorben wäre. Ich habe erfahren, dass ganz viele Vögel sich mit Schnüren Füße amputieren. Dass Plastik und Schnüre oft zum Nestbau verwendet werden, was nicht nur fatal ist, weil sich die Vögel darin verzurren – haben Vogeleltern ihr Nest mit Plastikmaterial gebaut, kann bei Sturm der Regen nicht abfließen. Die Kinder ertrinken, während die Mama schützend draufsitzt.

Vor einigen Monaten waren wir im Naturschutzgebiet „Schwanheimer Düne“. Dort ist mir zum ersten Mal so richtig aufgefallen, wie viel Müll in der Gegend rumliegt. Dass die Leute sogar im ausgewiesenen Naturschutzgebiet alles zu Boden werfen, ist eine besondere Watschn wert.

Da haben wir angefangen, Müll aufzuheben. Am Schluss hatten wir eine ganze Tasche voll.

Überall werde ich aufmerksam auf Leute, die Müll aufsammeln. Auf der Straße, am Strand, im Wald.

Früher wäre mir das im Leben nicht eingefallen!

Immer öfter hebe ich unterwegs Tüten, Fast-Food-Container und Einweg-Becher auf. Und die unsäglichen Luftballons mit langen Schnüren, die zu Hochzeiten etc. losgelassen werden.

Das hätte ich früher niemals gemacht, schon aus Prinzip nicht: „Ich räum doch den Leuten nicht auch noch hinterher!“ Erst recht nicht diesen Idioten, die einfach alles in die Pampa werfen (oft genug, obwohl in Sichtweite ein Mülleimer steht).

Jetzt macht mir das Aufheben gar nichts mehr aus. Weil ich es eben nicht für diese Deppen tue, sondern weil ich es mache, damit sich kein Tier verfängt, verletzt oder gar stirbt.

Dabei habe ich einmal mehr selbst erlebt, wie dieselbe Sache sich komplett verändert, wenn man anders drüber denkt. Wie etwas sich vollkommen anders anfühlt, wenn der eigene Beweggrund sinnvoll ist.

Sabine Dinkel setzt dem Müll die Krone auf!

… sie sammelt Plastikzeug am Meer und macht lustige Kunst draus.

Hier könnt Ihr online gucken: strandgutpoesie.de und mitmachen bei Instagram unter dem Hashtag #strandgutpoesie.

Ihr gleichnamiges Büchlein ist erschienen bei HAWEWE Media.