Der Anspruch an dich selbst

Zwei Dinge liebe ich ganz besonders:

  • Keep it simple!

und

  • Ein gutes Fundament.

Darum finde ich es im täglichen Miteinander hilfreich, einen Anspruch an sich selbst zu haben. Und ihn klar zu formulieren.

Mein Anspruch an mich ist beispielsweise: „Ich will mit mir und anderen respektvoll umgehen.“ Der begleitet mich unverändert schon seit dreißig Jahren.

Werde ich dem immer gerecht?

Nö. Natürlich nicht.

Wie ein Ziel. Nur besser!

Ein Anspruch an mich ist nicht nur einfach ein Ziel, das ich setze, etwa eine Verhaltensänderung. So ein Anspruch ist viel mehr:

  • Er ist etwas, das ich von mir erwarte.
  • Er gibt mir eine klare Latte, an der ich mich orientieren und messen kann. Ich muss nicht lauter einzelne Verhaltensziele formulieren, was ich im Umgang mit mir und anderen tun oder lassen will. Das verkompliziert alles nur unnötig.
  • Diese klare Latte hält mich in der Verantwortung. Denn ich will meinem Anspruch an mich ja genügen. Idealerweise.
  • Ich kann es dennoch selbst mit Leben füllen, denn ich definiere, was ich für respektvoll halte.
  • Da es so „simple“ formuliert ist, wirkt es in mir viel stärker als Einzelziele wie „Ich will weniger aufbrausen, wenn ich mich über was total ärgere“ – zumal Letzteres ein gutes Beispiel für schwer umsetzbare Verhaltensänderungen ist, wenn ich nunmal zum Aufbrausen neige. Mir vorzunehmen „es nicht zu tun“ hat weniger Zugkraft als „ich will respektvoll umgehen“.
  • Ich merke sofort, wenn ich meinen Anspruch nicht – oder nicht so richtig – erfülle: Sogar während ich beispielsweise zu heftig reagiere, weiß ich: „Gitte! Das ist jetzt aber ganz und gar nicht respektvoll, was du hier veranstaltest!“ Es ist zweitrangig, ob ich danach jetzt sofort handeln kann bzw. will. Relevant ist in erster Linie, dass ich es überhaupt wahrnehme.
  • Und: Ich kann situationsbezogen ableiten, was ein respektvolleres Verhalten wäre. Dann gelingt es mir entweder, mich noch umzulenken, bevor es losgeht. Oder, wenn ich zu aufbrausend war, kann ich jederzeit respektvoll damit umgehen – und mein Verhalten korrigieren, mich entschuldigen oder einfach erklären, warum ich momentan so ungehalten bin.

Das mit dem Aufbrausen ist jetzt nur ein Beispiel. Das „respektvoll umgehen“ gilt natürlich für alle anderen Situation auch – wenn ich jemandem im Gespräch dauernd ins Wort falle; wenn ich neben dem Telefonieren versucht bin, eine E-Mail zu checken; wenn ich merke, dass ich in Abwesenheit über wen negativ rede; wenn ich mir gedanklich selbst was auf die Mütze gebe; etc.

Ein guter Anspruch an dich selbst …

… erfüllt meiner Ansicht nach folgende Punkte:

Es ist etwas, das du wirklich willst, also etwas das DU SELBST als erstrebenswert ansiehst. Nicht irgendwas, das man sollte oder das andere als erstrebenswert ansehen oder von dir fordern. Das kann an etwas gekoppelt sein, das du verändern willst/worin du besser werden möchtest oder etwas, das ein wichtiges Ideal für dich ist, dem du dich annähern magst.

Es ist machbar. Ein Anspruch ist, wie gesagt, dem man gerecht werden möchte – es geht nicht um ein Ziel à la „Ich werde nie mehr xy tun“ oder „Ich werde immer soundso sein“. Vorsicht bitte bei hübsch klingenden Sprüchen à la „Ich will mein Bestes geben“ oder „Ich lebe mein glücklichstes Ich“ – das ist viel zu schwammig.

Es ist, wie gesagt, einfach formuliert [Keep it simple!], aber dennoch aussagekräftigt. Auf keinen Fall überladen: Fallen dir zu viele Einzelaspekte ein, dann machst du es entweder kompliziert oder – wenn alles in eine ähnliche Richtung geht – fehlt dir noch das Dach/der gemeinsame Nenner.

Es ist so formuliert, dass du sofort mit Leben füllen kannst, weil du gleich weißt, was das in einer bestimmten Situation bedeutet. Mein Respektvoll-Beispiel und die folgenden beiden Ansprüche zeigen, was ich damit meine: Es geht praktisch um ein „Prinzip“ und nicht um eine bestimmte Denk- oder Verhaltensweise.

Hier noch zwei angerissene Beispiele, wie so ein Anspruch an dich selbst aussehen könnte:

„Ich will genau verstehen, worum es dem anderen geht.“

Ein „Ich will genau verstehen, worum es dem anderen geht“ sagt vielschichtiger, was damit verbunden ist (gut zuhören; hinter das schauen, was gesagt ist; interessiert sein am anderen – an Argumenten, Bedenken, Motiven, Zusammenhängen, Befindlichkeiten, …). Es setzt einen Schwerpunkt darauf, nicht die eigene Meinung/das eigene Wissen zu konservieren, sondern sich zu informieren und zielgerichteter etwas zu ergänzen – oder zu entgegnen. Es ist zudem sehr viel motivierender, dem zu entsprechen, als ein Ziel zu formulieren à la  „Ich darf nicht so oft anderen ins Wort fallen“ oder sowas.

„Ich will mir und anderen Geduld schenken.“

Das ist ein weiteres sehr schönes Beispiel, finde ich, das sich durch den beruflichen und privaten Alltag zieht – ob in einer Warteschlange, wenn eine Antwort nicht schnell genug kommt, wenn ich jemandem etwas erkläre, wenn ich merke, ich motze an mir rum, weil ich mir nicht schnell genug bin bei der Arbeit, wenn ich etwas lerne, oder oder oder. Schau, wie du durch die Formulierung die Wirkung verändern kannst. Da steht nicht „Ich will geduldiger sein!“, sondern „Ich will mir und anderen Geduld schenken.“ Wie viel, wann und wie oft ist da nicht vorgegeben, und doch ist es im Alltag etwas, das glasklar eine Orientierungslatte vorgibt und jeder kann in der Situation für sich entscheiden, wie „Geduld schenken“ im Hier und Jetzt aussehen könnte.

Der Anspruch kann wechseln

Aber bitte nicht wie Unterhosen!

Es kann sein, dass dein Anspruch lange Bestand hat – wie meiner mit dem „Ich will respektvoll mit mir und anderen umgehen“. Es kann natürlich sein, dass du deinen Anspruch an dich selbst nach einiger Zeit austauschst, nämlich dann, wenn du merkst: Ich habe mich jetzt so gut daran gehalten, dass ich es verinnerlicht habe und diesen Anspruch so nicht mehr so fest im Blick behalten muss. Bei einem Ziel wie „Ich will verstehen, worum es dem anderen geht“ wird sich, wenn ich danach handle, nach geraumer Zeit mein Kommunikationsverhalten umstellen.