„Der denkende Mensch …“

Wie ich an anderer Stelle schon geschrieben habe, halte ich es seit jeher mit Friedrich Nietzsche: „Der denkende Mensch ändert seine Meinung.“ Diese Haltung lege ich dringend allen ans Herz!

Unser Gegenwarts-Ich ist anders

 … als unser Vergangenheits-Ich und unser Zukunfts-Ich.

 Es klingt immer so gewaltig, wenn davon die Rede ist, dass wir uns als Persönlichkeit entwickeln. Als ob man ganz bewusst an sich arbeitet oder was erreichen will. Dabei werden wir ganz automatisch „anders“ – auf ganz vielen Ebenen.

Kleine Alltagsdinge, die einen plötzlich stören oder die man anders sieht als kürzlich. Feste Standpunkte, die sich aufgeweicht haben oder sogar komplett gedreht.

Klar gibts die großen Sprünge:

  • Wenn man zurückschaut auf frühere Lebensphasen: Mit 20 hab ich dies und das, in den 30ern war jenes …
  • Besonders wenn man negative Erfahrungen oder Krisen hatte, relativiert sich vieles.
  • Oder man hatte eine sehr starre Ansicht zu bestimmten Menschen, jetzt aber lernt man jemanden näher kennen oder lieben und hat einen ganz anderen Zugang.

Ich werde also ständig meine Meinung ändern. Selbst wenn es nur die banale Alltagsüberzeugung ist, dass ich plötzlich keine ganze Pizza mehr esse, weil mir eine halbe reicht [was mir wirklich unvorstellbar erschien, haha!].

Auch – und gerade – die Überzeugungen, die man über sich selbst hat, lohnt es sich, verändern zu dürfen. Denn die nehmen wir oft als Tatsachen hin, doch wenn ich beispielsweise die feste Meinung habe „Ich bin zu ungeschickt [diesunddas zu machen]“ und das nie aktualisiere, dann limitiere ich mich ungemein. Indem ich bestimmte Dinge erst gar nicht ausprobiere und indem ich mir von Haus aus den Wind aus den Segeln nehme.

Das meint nicht, ...
… dass das, was ich zuvor gedacht habe, falsch war. So ein Schwarz-Weiß-Sehen herrscht gerne vor, wenn es um Meinungen geht. Gerade darum ist das „denkende“ im Nietzsche-Zitat so toll. Ich habe nachgedacht, jetzt denk ich eben neu darüber. Wenn ich morgen/übernächstes Mal/in einem Jahr wieder nachdenke, sieht es möglicherweise wieder anders aus.

Kurskorrekturen erlaubt

Beharrlich an etwas dranzubleiben, es durchzuziehen, finde ich total wichtig. Denn viel zu oft fangen wir gar nicht erst an oder geben viel zu früh wieder auf. Das geht mir nicht anders, als den meisten.

Und doch ist verbreitet, dass Leute sich gezwungen fühlen, etwas weiterhin zu machen (oder sich schlecht fühlen, weil sie es schleifen lassen, aber ständig im Genick haben).

Wer sich selbst erlaubt, seine Meinung zu ändern, der hat kein Problem, jederzeit etwas zu verändern – auch wenn es um größere Vorhaben geht. Selbst wenn er im ersten Überschwang vollmundig überall erzählt hat, was er jetzt machen wird [das Missionieren lässt grüßen].

  • Wenn ich superbegeistert eine Sportart beginne, mir vielleicht sogar teure Ausrüstung kaufe, aber nach einigen Wochen keine Lust mehr drauf habe.
  • Wenn ich jahrelang gesagt habe, vegane Ernährung finde ich blöd, mich aber jetzt „eigentlich“ darauf zubewege.
  • Wenn ich eine Fortbildung gemacht oder ein Business aufgezogen, viel Zeit investiert, jetzt aber gemerkt habe, dass ich was anderes machen will.
  • Wenn ich mit meinem Partner ans andere Ende von Deutschland oder der Welt gezogen bin, oder von der Stadt aufs Land oder umgekehrt und merke, ich fühle mich nicht so wohl.
  • Wenn, wenn, wenn …

Gerade im Tun sammelt man erst richtige Erfahrung, merkt – und erfühlt – was einem gut gefällt oder am Herzen liegt. Es ist natürlich, dass man sich verändert.

Dazu kommt, dass das Leben komplexer ist: Es spielt eine Menge rein, was neue Prioritäten setzt. Das muss nicht mal die große Veränderung sein, es kann einfach sein, dass einen die Arbeit gerade so einspannt, dass man viel zu müde ist, um jetzt in diesem Moment Sache X weiterzumachen.

Es ist total okay in dieser Hinsicht flexibel sein zu dürfen. Sogar ein unterbrochener oder veränderter Kurs bringen weiter!

Das meint nicht, ...
… abdrehen oder aufgeben, nur weil was schwierig oder unbequem wird.

Gelassenheit macht beweglicher

Wenn wir uns erlauben, unsere Meinung zu ändern – uns also nicht auf etwas festlegen, das wir anders haben wollen, lebt es sich sehr viel gelassener.

  • Wir können viel zeitnaher in unserem Sinne reagieren.
  • Der Impuls, sich vor irgendwem – vielleicht nur uns selbst – rechtfertigen zu müssen, verschwindet.
  • Statt dessen können wir uns mit der Substanz auseinandersetzen: Was will ich denn [nicht mehr] und warum? So brauche ich nicht verharren, nicht So-tun-als-ob und mir nichts versagen.

Ich kann mich aufs Leben konzentrieren, immer wieder Entscheidungen justieren.

Das meint nicht, ...
… die pauschale Haltung von „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“ im Sinne von Unzuverlässigkeit vor sich und anderen.

Charakterstärke!

Schließlich zeugt es in meinen Augen von einem starken Charakter,

  • zugeben
    und
  • zustimmen

zu können, dass man jetzt etwas anders sieht als zuvor. Ganz besonders dann, wenn es um Dinge geht, die man sehr vehement vertreten hat. Hier hilft erneut Nietzsche, denn es ist doch bestechende Logik, dem anderen souverän zu sagen: „Der denkende Mensch ändert seine Meinung!“