Der Preis des Haderns

Gelegenheiten zum Hadern hat jeder mal. Selbst, wer nicht dazu neigt, kennt Momente, in denen das Hätte an einem nagt.

Problematisch wird es, wenn wir uns unablässig um eine Sache drehen, die wir bereuen oder die wir rückblickend glorifizieren.

Hätte ich dieses oder jenes gemacht, [ginge es mir besser, wäre ich erfolgreicher, glücklicher, wohlhabender, an dem und dem Punkt, hätte ich dies und das erreicht …].

Hadern unterminiert

Wie genau untergräbst du dich/deine Persönlichkeit, wenn du negativ auf dein Handeln – oder Nichthandeln – zurückschaust?

Das dauernde „Hätte ich nur!“, „Warum habe ich nicht …“ schürt Selbstzweifel. Doch wer an sich zweifelt, traut sich immer weniger (zu) – und wenn es „nur“ auf bestimmte Aspekte bezogen ist, z. B. ich traue meinen Entscheidungen nicht, ich täusche mich in anderen Menschen, ich kann mit xy nicht umgehen.

Bei vielen Menschen fallen Gedanken und Selbstgespräche äußerst harsch aus. Dann schlagen wir einen Ton an, den wir uns bei anderen nie erlauben würden, weil es respektlos und verletzend ist. Nicht selten geben wir uns dann etwas auf die Mütze: „Ich verhaue alles!“, „Mich haut es dauernd auf die Schnauze!“, „[Name] hatte recht, dass ich zu dumm/unfähig/flatterhaft/weich bin …!“.

Wir nehmen uns die Perspektive. Hadern ist in der Regel einseitig, etwas wurde „ruiniert“, „kommt nicht wieder“. Negatives ist einem passiert, weil man „soundso ist/es nicht anders verdient hat/zu blöd war, es mitzumachen“ … Selbst dann, wenn man jemandem oder etwas die Schuld gibt, machen wir uns perspektivlos (und begeben uns zudem in eine Opferhaltung, die erst recht die Selbstwirksamkeit nimmt).

Wir geben einer Entscheidung, einem Aspekt unseres Lebens zu viel Aufmerksamkeit + Macht. Entweder durch einen Strahl-Effekt: Wir haben uns an einer bestimmten Weiche nicht richtig entschieden oder waren in unseren Augen nicht fähig, etwas richtig einzuschätzen oder zu tun/zu lassen und jetzt werfen wir jede Menge weiterer Entwicklungen, die darauf zurückzuführen in einen Topf. Das gilt auch für aktuelle Vorhaben, wenn das „Jetzt ist es schon passiert“-Gefühl einsetzt, etwa wenn man durch eine Tüte Chips seine kompletten Abnehmpläne über Bord wirft. Oder sich durch einen einzigen privaten oder beruflichen Korb bestätigt fühlt, dass „einen keiner will“

Wir fühlen uns schlecht, und das macht kraft- und mutlos. Ein schlechtes Gewissen hat, wenn man drin verharrt, noch nie jemandem etwas geholfen. Wer sich die Kraft und Zuversicht nimmt, geht mit einer unnötigen Schwere und Last durchs Leben. Das Gemeine ist, dass man sie nicht andauernd bemerkt, doch sie wirkt – ganz besonders in ähnlichen Situationen, in denen die innere Stimme laut wird und mit damals vergleicht („das ging schon mal nicht gut“, „das kann ich sicher auch nicht“) oder unbewusst das Verhalten beeinflusst, indem ein Vermeidungsverhalten aktiviert wird oder man zögerlicher/übervorsichtig handelt.

Ich weiß, dass das Hadern einen regelrecht überfallen kann. Dass sich entsprechende Gedanken einfach melden. Es geht nicht darum, sich vorzunehmen, nicht mehr zu hadern. Es geht darum, zu erkennen, dass es schadet, wenn ich es einfach laufen lasse, mir das Hadern um diese eine Sache („die Umstände“, eine andere Person, ein eigenes Verhalten) wieder und wieder gestatte. Wenn ich mich reinsteigere, weil ich ewig Zeit damit verbringe oder es vor anderen immer wieder auspacke.

Freundlich hinschauen – nicht laufen lassen!

Was bei jeder Art von Verhaltensänderung geht, ist, es bewusst zu merken: „Aha, jetzt mache ich es gerade wieder.“ Und zwar in einem freundlichen Ton! Und zu beschließen: Das Hadern bringt mir nichts!

  • Ich kann mich stoppen.
  • Ich kann konstruktiv zurückschauen: Was war da genau? Womit hadere ich? Schaue ich hier zu einseitig drauf?
  • Ich kann mich entscheiden, mich in Hadermomenten aufzubauen und mit irgendetwas zu stärken, statt zu schwächen. Das muss gar nichts mit der Hadersache zu tun haben. Du kannst etwas tun, das du gut kannst. Du kannst dir gut zureden. Du kannst dich ablenken mit etwas, das dir Freude macht oder dich aufbaut. Hier geht es lediglich darum, dem Hadern zeitnah Einhalt zu gebieten, bevor die alte Leier wieder losgeht.

Wir lernen durch Wiederholung. Was wir oft tun, läuft mühe- und reibungslos, es kann zur zweiten Natur werden. Wer sich erlaubt, viel zu hadern, wird besser im Hadern. Wer die Handbremse reinhaut und das Hadern stoppt oder reduziert, verfällt immer weniger in diese Gewohnheit.

Viel sinnvoller ist es, sich im Hier und Jetzt umzuschauen, was du tun kannst – und willst – um etwas zu tun, das dir was bringt.