Die 3 Qualitäten des schlechten Gewissens

Schuldgefühle sind einer der stärksten Hebel dafür, dass wir etwas tun oder lassen. Darum solltest du die Ohren aufstellen, wenn sich ein schlechtes Gewissen rührt – denn jetzt bist du eher geneigt etwas zu tun oder zu vermeiden. Gleichzeitig drücken die miesen Gefühle und setzen die Gedankenmühle in Gang.

Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, was ein schlechtes Gewissen auslösen kann:

Qualität Nr. 1: „Gesichertes“ Fehlverhalten

Das sind die Vorfälle, wo wir sicher wissen, dass wir jemandem Unrecht getan haben. Jemanden verletzt, übervorteilt, ungerecht behandelt, sich auf jemandes Kosten lustig gemacht, wen angelogen, auf jemanden gezeigt, um selbst besser dazustehen, etc.

Zum „gesicherten Fehlverhalten“ gehört, wenn du dich in deinen Augen daneben benommen hast, etwa peinlich aufgefallen bist, aufdringlich warst, in einem Gespräch genervt hast, o. Ä. Und da wird schon klar, warum ich das „gesichert“ in Anführungsstriche setze: Das Empfinden sagt, dass da etwas ganz und gar nicht okay war. Das ist gleichzeitig die Crux – unser eigener Maßstab bestimmt, was Fehlverhalten ist. Was für den einen problematisch ist, kommt beim nächsten gar nicht so an – beziehungsweise wird anders bewertet. Befürchtungen und Unsicherheiten beeinflussen ebenfalls das Empfinden: Wenn ich beispielsweise Angst davor habe, dass eine Freundin oder der Partner sich trennen könnte, reagiert mein innerer Alarm sehr viel feiner, wenn ich glaube, dass ich mich ungut verhalten habe.

Qualität Nr. 2: Das ideale Selbstbild nicht erreicht oder verletzt

Ein schlechtes Gewissen hat man keineswegs nur, wenn man glaubt, etwas verkehrt gemacht  zu haben. Schuldgefühle melden sich auch, wenn es eine Diskrepanz gibt zwischen dem, was man meint zu sollen, und dem, was ist. Hier ist dein Anspruch gemeint, wie du dich verhalten willst versus wie du es im Alltag tatsächlich getan hat.

Beispiele:

  • Ich finde Rassismus geht gar nicht, habe mich aber erneut dabei ertappt, dass ich Vorurteile gegenüber … habe.
  • Ich habe beschlossen, besser mit Geld umzugehen, habe jedoch wieder viel zu viel ausgegeben diesen Monat.
  • Ich möchte mehr Zeit mit meiner Mutter verbringen, würge sie aber ständig am Telefon ab und verschiebe Besuche.

Kurz: Wir haben bestimmte Ansprüche, generell an unser Verhalten, sodass es dem Ideal entspricht, wie wir sein möchten. Doch mal abgesehen davon, dass es nicht möglich ist, 24 Stunden am Tag einem Ideal zu entsprechend (und gar nicht nötig), wird es noch ein wenig komplexer: Denn das, was wir unter „sollte, müsste, tut man nicht“ verbuchen, ist nicht immer das, wonach wir selbst streben. Gerade in Kindheit und Jugend prägen uns die Erwachsenen um uns enorm.

Sogar, was breit durch die Medien geht, wird oftmals als erwünschtes Verhalten oder gar als Muss empfunden.

Weil wir Menschen es uns zusätzlich gerne mal komplizierter machen, gibt es einen weiteren, etwas kurios anmutenden Grund, unsicher zu sein. Und zwar durch das Gefühl, dass einem etwas nicht zusteht (eine Beförderung, eine Beziehung, Glück, Geld, …). Das Gefühl, dass man etwas nicht verdient oder nicht genug für etwas getan hat, ist perfide, denn wer so empfindet, hat eine Art inneren Spürhund, der dauernd Gelegenheiten findet, die Schuldgefühle triggern.

Qualität Nr. 3: Jemand macht dir Vorhaltungen

Und dann gibt es noch das schlechte Gewissen, das andere Leute bei uns wecken – als gezielter Manipulationsversuch oder unbeabsichtigt. Einige Beispiele:

  • „Du hast leicht reden!“ Es wird dir vorgehalten, dass du es besser oder leichter hast.
  • „Du bist schuld, dass …“ Du bekommst den Schwarzen Peter zugeschoben.
  • „Du bist/machst/denkst, …“ Jemand macht dir Vorwürfe oder rechnet auf, was du gemacht hast oder „immer tust“.
  • „Ich habe dir/würde an deiner Stelle …“ Die andere Person dreht den Spieß um und würde selbstverständlich tun, was sie von dir möchte.
  • „Ein echter Freund würde …“ „Jeder hat eine zweite Chance verdient“ …, „Jemand muss sehr herzlos sein, wenn …“ – Ein Vergleich oder eine angeblich feststehende Verhaltensweise wird angeführt, die an eine moralische Latte geknüpft ist, der man zu entsprechen hat.

Wann immer jemand Schuldgefühle bei dir weckt oder sie offensichtlich schürt, gilt es, ganz genau aufzupassen. Denn diese Art der emotionalen Erpressung führt sehr schnell dazu, dass man etwas gegen seinen Willen tut (oder lässt).

Wird dir von außen ein schlechtes Gewissen gemacht, zieh dir den Schuh nicht einfach so an! Anstatt den miesen Gefühlen zu glauben, schau neugierig näher hin: Was passiert da gerade? Was genau löst dein schlechtes Gewissen aus und wie äußert es sich? – Es hilft außerdem, zu überlegen: Wie setzt da jemand Schuldgefühle ein? Alleine das Analysieren, welche Gefühlshebel gerade in dir wirken, holen dich aus dem Gefühle-Druck heraus und aktivieren den sachlicheren Blick darauf, worum es geht und was alles mit reinspielt.