Die Auf-Anhieb-Können-Perfektions-Erwartung

Etwas, das ich auch an mir immer wieder beobachte, ist diese Vorstellung – teilweise der Anspruch – dass Dinge viel schneller klappen müssten, als es

  • realistisch
    und
  • überhaupt nötig ist.

Ich habe das am stärksten begriffen, seit ich vor einigen Jahren zum ersten Mal seit meiner Kindheit wieder einen Hula-Hoop-Reifen in der Hand hatte. Der bleibt nämlich am Anfang nicht oben, wo er bleiben soll. Er fällt. Und fällt. Und fällt. Manchmal sofort. Manchmal nach zwei oder drei Umrundungen. Zwischendrin zappelt man hektisch, weil man denkt, das hilft (das Gegenteil ist der Fall). Der Anspruch ist, dass es relativ schnell ganz gut klappen müsste oder eben nicht geht. – Alleine, wenn man sich überlegt, dass Hirn und Körper hier mit etwas vollkommen Neuem konfrontiert sind, könnte man drauf kommen, dass es nicht ums „Gleich können“ geht, sondern dass „Hurra, jetzt gehen schon zwei Umdrehungen, vorher ging keine“ bereits ein Zeichen fürs Besserwerden ist.

Auch wenn ich gleich nochmal derlei Beispiele heranziehe, betrifft diese Auf-Anhieb-Können-Perfektions-Erwartung alle Bereiche. Ob es darum geht, ein schwieriges Problem zu lösen, einen Vortrag zu halten, sich richtig entscheiden zu müssen, zu flirten, etwas zu zeichnen, zu kochen, zu musizieren, zu basteln, zu schreiben, …

Erwarten wir zu schnell zu viel von uns, kreieren wir für uns selbst eine Situation, die es uns schwieriger macht:

  • Wir sind es, die sich den Weg aus den Segeln nehmen!
  • Wir sorgen völlig unnötig für negative Gefühle, wie Frust und Mutlosigkeit.
  • Wir bringen uns ins Stolpern und oft sogar zum Aufgeben.

Jede dieser Erfahrungen fließt ins Selbstbild und die – Achtung tolles Wort – „Handlungsergebniserwartung“ für nächste Gelegenheiten. Wir schwächen damit unsere Selbstwirksamkeit.

Sofortiges Handtuchwerfen – Bestimmt kennst du das zur Genüge!

Ich habe schon vieles in meinem Leben angefangen und relativ schnell wieder bleibenlassen, „weil ich es nicht kann“, „ich kein Talent dafür habe“, „es bei mir offenbar einfach nicht geht“, „ich zu blöd dafür bin“, „es mir keinen Spaß macht“.

Diagnostiziert habe ich das meistens nach den ersten 1-3 Versuchen, manchmal, wenn ich viel Durchhaltevermögen bewiesen habe [hihi], habe ich dem Ganzen ein paar Wochen gegeben, beispielsweise irgendeinen Kurs besucht. Danach mein Urteil über mich oder die Sache gefällt.

Nehmen wir den Spaßfaktor. Wenn wir an etwas Freude haben, machen wir es lieber, das würde helfen, über die meist holprige Anfangsphase hinauszukommen. Doch die wenigstens Dinge machen auf Anhieb Spaß! Ein schönes Beispiel ist ein Tanzkurs, den sicher viele von euch irgendwann in ihrem Leben gemacht haben.

Meinen habe ich als Teenager gemacht. Es war grauenhaft! Die ganze Situation war schrecklich, mit jungen Männern auf der einen Seite aufgereiht und wir auf der anderen, dann auf Tuchfühlung gehen zu müssen. Die ungewohnte Musik, Walzer und Samba lassen grüßen. Man muss nicht nur selbst drauf achten, sich in einem Takt zu bewegen, den man je nach Musik gar nicht gut hören kann. Dann wird vom Körper verlangt, sich in völlig neuer Weise zu bewegen (was man im Alltag nie tut), man muss sich auf den Partner einstellen, soll sich Schritte, Figuren und Abläufe merken, ist sich gleichzeitig der eigenen Hölzernheit mehr als bewusst, kommt sich vielleicht blöd vor, und, und, und. Alleine alles, worauf man gleichzeitig achten muss! Wer tanzen ganz frisch lernt, hat gar keine Gelegenheit, sich richtig in der Bewegung und der Musik gehen zu lassen.

Die allermeisten haben nach dem Grundkurs aufgehört, waren froh und meiden das Tanzen wie der Teufel das Weihwasser. Weil es rundherum eine unschöne Erfahrung war mit der Bestätigung, dass man es nicht kann oder/und es keinen Spaß gemacht hat. Fast alle neuen Fähigkeiten brauchen einige Zeit.

Denn wann macht uns etwas Spaß? Klar: Wenn das „Prinzip“ der Sache, um die es geht, etwas ist, das wir tun oder können wollen, z. B. einen spannenden Roman schreiben, lebendige Vorträge halten, cool Hip-Hop tanzen, tolle Kleidung für sich selbst nähen.

Aber das ist noch nicht alles: Spaß macht vor allem, wenn wir merken, dass wir etwas können, und zwar nicht auf Anhieb, sondern der Prozess, etwas immer besser zu können, bringt am meisten Freude und Glücksgefühl mit sich! Ich habe etwas getan und erlebe, wie ich mit der Zeit, besser darin werde. Wie ich mir selbst etwas erarbeitet habe.

Das wiederum versetzt uns erst in die Lage, weitere Dinge auszuprobieren und zu meistern, weil wir die Voraussetzungen schaffen, schwierigere oder komplexere Aspekte einer Sache zu meistern. Hier kommt eine sich immer weiter verstärkende Spirale in Gang.

Teil 2: Fortschritte und Fortschreiten