Die Nuancen des Mei

Je älter ich werde, desto mehr wird mein Motto: „Mei.“ Auf den ersten Blick könnte man das mit Gleichgültigkeit verwechseln, doch wir Bayern drücken uns filigraner aus, als es scheint.

Das Des-is-mir-Wurscht-Mei

Ja, mitunter drückt das Mei tatsächlich ein Wurschtigkeitsgefühl aus. Besonders wichtig ist es jetzt, das Gegenüber genau zu beobachten: Ist das Mei freundlich, wenngleich abwinkend, oder brummelt der Bayer schon etwas vor sich hin?

Jetzt ist Vorsicht geboten! Denn ein Des-is-mir-Wurscht kann mit einem Lass-ma-gfälligst-a-Ruah-mit-dem-Krampf gefärbt sein und da ist die Genervtsei-Latte nach oben offen. Dann wird der Bayer ungemütlich! Ich empfehle, sofort den Blick abzuwenden und gleichzeitig langsam einige Schritte rückwärts zu gehen.

Das einleitende Mei …

Ganz typisch ist das vorangestellte Mei:

  • „Mei, des woaß I jetz aa ned.“
    [Mei, das weiß ich jetzt auch nicht.]
  • „Mei, do muass ma si hoid vorher Gedanken machen!“
    [Mei, da muss man sich halt …] Das ist entweder ein Gedankensortierer, ein Betoner oder ein moderater Reinwürger (da schwingt manchmoi ein „Des hätt I da glei song kenna“ mit. – Das hätte ich dir gleich sagen können).

Das Do-konn-I-jetz-aa-nix-ändern-Mei

= das realitätsakzeptierende Mei: Die Dinge sind, wie sie sind.

Ich schaffe es nicht, meinen Newsletter rechtzeitig rauszuschicken? Der Computer ist plötzlich kaputt. Dein Ehemann ist mit einer Seiltänzerin durchgebrannt?

  • „Mei, des is hoid jetz a so.“
    [… das ist halt jetzt so.]

Das heißt nicht, dass der Bayer nun nichts tut. Er akzeptiert die Realität und wird dadurch handlungsfähig. Aber nur, wenn es Grund zum Handeln gibt, versteht sich.

Selbstverständlich gilt das genauso, wenn sich jemand bei ihm beklagt oder einen Rat sucht zu einer Sache, wo der Bayer messerscharf bemerkt: „Mei …“ – Das war dann auch schon alles. Schau genau hin, denn es könnte das weise „Do konnst jetz aa nix machen!-Mei“ sein, das dich dazu bringt, den Tatsachen in die Augen zu sehen und dort anzusetzen, wos da aa wos bringt [wo es dir auch was bringt].

Das Oh mei!

Songmaramoi [sagen wir mal] du gehst zum Dokter und der druckt an dir rum und murmelt „Oh mei …“ – Das will man von einem Arzt nicht hören!

Das „Oh mei“ hat mit Empathie zu tun, hat jedoch ein breites Bedeutungsspektrum, das von „Bloß guad, dass I ned du bin“ über „Des duad ma leid“ zu „Du liebe Güte!“ reicht.

Hier ist zwingend der individuelle Beziehungsfaktor einzubeziehen, um zwischen Mitgefühl, Spott und Schadenfreude zu differenzieren. Denn so ein „Oh mei!“ wirkt vordergründig bemerkenswert neutral. Hier sind Missverständnisse vorprogrammiert und die Hintertüre des „Des hob I ned so gmoant! Do host mi jetz foisch vaschtandn“ [Das hab ich nicht so gemeint! Da hast du mich jetzt falsch verstanden] bleibt offen.

Das philosophische Mei

Das Leben als solches bietet ständig die Gelegenheit für Überraschungen, Begegnungen, Zufälle, Krampf, umgeworfene Pläne, Glück, Unglück, beschissenes Biergartenessen, und und und.

In jeder Lebenslage lässt sich das klar auf den Punkt bringen. Mit Intonation, Inbrunstfaktor und optional mitlaufendem Seufzer ist alles gesagt:

  • „Ja mei …“

Das MeioMei

Ich werde nicht müde, zu warnen, dass man den Bayern genau im Auge haben muss: Körpersprache und WIE er etwas sagt, ist viel relevanter, als was er sagt. Zum Beispiel finde ich es großartig, dass ich „Du Depp“ sagen kann und ein echter Bayer sofort versteht, wenn das liebevoll gemeint ist. Sog amoi zu am Hamburger „Du Depp“, do isses ned weit her mit da Gegenliebe!

Beim MeioMei ist das besonders wichtig. Denn bei dem muss man sich ein Kopfschütteln dazudenken [außer man sieht eins, dann is des mit dem Dazuadenken überflüssig]. Und jetzt kannts gfährlich wern, denn der Bayer sagt MeioMei auch, wenn er genervt bis stinkesauer ist.

  • Im Büro: „Meiomei, jetzt steijns Eahna doch ned a so o!“
    [… jetzt stellen Sie sich doch nicht so an!“]
  • Im Café: „Meiomei, wia lang muass I jetz nu auf mein Kuachn warten?!! Mei Kaffee werd koid!“
    [… wie lange muss ich jetzt noch auf meinen Kuchen warten? Mein Kaffee wird kalt.]
  • Dahoam: „Meiomei, dann sog hoid ned, dassdas machst, wennstas dann doch wieda ned duast!“
    [… dann sag halt nicht, dass du es machst, wenn du es dann doch wieder nicht tust.]

Kein Mei gleicht dem anderen.

Ich finde es schön, dass ich an mir bemerke, wie ich mit der Zeit ganz automatisch mehr differenziere. Mich nicht mehr, wie früher, einfach schnell nur aufgeregt habe.

Es ist schon wichtig, überhaupt wahrzunehmen,

– wie fühlt sich was für mich an,
– oder/und wie wichtig ist es für mich.

Um dann auch die eigene Reaktion einzuordnen. Reagiere ich jetzt über? Mache ich aus Gewohnheit einen auf Egal oder merke ich, dass ich bei bestimmten Dingen tatsächlich gelassener bin … oder sein kann.

 

Dieser Text war zuvor auf der Himbeerwerft veröffentlicht.