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Emotion: begrenzte Kapazitäten

Ich komme glücklicherweise recht gut bisher durch das Corona-Jahr. Klar habe ich – wie fast alle – eine sehr unstete, streckenweise maue Auftragslage mitmachen müssen. Doch so von meiner Verfassung her, vom allgemeinen Drumherum und der Tatsache, dass ich die Maßnahmen mittrage, kann ich sagen, es geht mir den Umständen entsprechend gut.

Es gibt jedoch eine mögliche Bruchstelle, die ich trotz allem ausgemacht habe: Meine begrenzte Kapazität für weitere Probleme oder das, was in mir ungute Gefühle auslöst. Was meine ich damit?

Es geht mir ums „Normalerweise“

Ich glaube, dass schon jetzt einige von euch genau verstehen, was ich meine, weil es euch ähnlich geht. Wir sind in einer nie dagewesenen Ausnahmesituation – und das bedeutet, dass wir alle emotional viel aushalten müssen. Wie diese Gefühle aussehen, was sie genau mit uns anstellen und wie wir damit umgehen können (oder es lernen), ist ganz unterschiedlich. Mir geht es ums Bemerken und darum,

  • anzuerkennen, dass das bedeutet, dass wir uns vielleicht anders verhalten als „normalerweise“.
  • Dass es nötig sein kann, den Selbstschutz voranzustellen, auch wenn wir „normalerweise“ den Fokus woanders setzen.

Gemerkt habe ich an mir beispielsweise, …

… dass ich aktuell keine Tolerenz für Stammtischgerede habe. Normalerweise geht mir sowas am Arsch vorbei. Wenn etwas nicht wirklich drastisch ist, habe ich damit eh selten Berührungspunkte, es ist mir egal oder ich schüttle den Kopf. Das ist normalerweise leicht, weil ich in meinem direkten Umfeld kaum damit zu tun habe. Was übrigens nicht heißt, dass in meinem engeren Kreis alle einer Meinung sind. Mit „keine Toleranz“ meine ich hier, dass meine Psyche derzeit nicht viel davon tolerieren kann, ohne dass es mich negativ beeinflusst. Das merke ich beispielsweise, wenn ich, obwohl ich es besser weiß, dennoch die Kommentare unter einschlägigen Hashtags lese.

… dass mich Probleme anderer Menschen mehr mitnehmen als sonst. In einem Ausnahmezustand dominiert ein bestimmtes Thema, aber das sonstige Leben steht nicht still. Leute um einen herum haben Probleme und als nähere Bezugsperson ist man gefordert durch Zuhören, tatkräftiges Unterstützen oder einfach, indem man mitfühlt oder sich überlegt, was man beitragen könnte, damit es der anderen Person besser geht. Selbstverständlich ist das wichtig, richtig und hat hohe Priorität. Und doch merke ich, dass es mich mehr Kraft kostet als sonst. Ich bin nicht die Einzige, die in den vergangenen Monaten den Vergleich zu einem Computerprogramm bemüht hat, das im Hintergrund läuft und Energie zieht. Ausnahmesituationen gleich welcher Art haben das einfach so an sich. Und es ist wichtig, wahrzunehmen, wie-wo-was sich so eine Überlastung bemerkbar macht.

Beides ist leicht hingeschrieben, ich weiß.

Tatsächlich kann es ziemlich schwierig sein, es zu bemerken oder sich einzugestehen, dass es eben in solchen Ausnahmesituationen nicht darum geht, zu versuchen, den Normalerweise-Status 100 % aufrechterhalten zu müssen.

An dieser Stelle kommen die vielfältigen inneren Ansprüche zum Tragen, die generell dazu führen, die eigenen Bedürfnisse oft nicht (genug) wahrzunehmen oder weniger zu achten als andere. – Nicht mal nur die anderer Menschen, sondern in einem selbst. Da trumpft beispielsweise das Bedürfnis nach Harmonie das Bedürfnis, sich zurückziehen zu dürfen, und so sagt man doch Ja zu etwas, was man lieber ablehnen würde.

 In Ausnahmesituationen: Auf dich selbst schauen!

nicht zu verwechseln mit Egotrip! 

Das Wort „Ausnahmesituation“ sagt deutlich, worum es geht: Es ist gerade eine Lage eingetreten, die du so nicht kennst, selten damit zu tun hast und die Außergewöhnliches fordert. Das ist nicht nur eine Pandemie oder eine Krankheit. Das ist ein weggebrochener großer Kunde. Eine In-die-Brüche-gegangene Beziehung. Ein Unfall. Eine gekündigte Wohnung. Ein Todesfall von Mensch oder Tier.

Es geht mir darum, dass wir in belastenden Situationen – unabhängig davon, worum es geht – noch mehr auf uns selbst achten müssen:

  • Wie geht es mir?
  • Wie weicht das eventuell momentan von meinem Normalerweise ab?
  • Wie geht es mir mit dieser Kluft?

Und: Sich selbst gegenüber zugeben, vor allem zugestehen zu können, dass die Kapazitäten an einer bestimmten Stelle derzeit begrenzt sind. Sogar da, wo man es sonst sehr gut tolerieren kann, es einem sonst vielleicht sogar gar nichts großartig ausmacht. Je größer die Kluft, desto härter kann das ausfallen: Wer aufgrund seiner Stärke, Entschlossenheit, Coolheit immer wieder gelobt wird, erlebt sich in seiner persönlichen Ausnahmesituation möglicherweise als klein, schwach und hilflos.

Diesen Fokus auf sich selbst zu richten und zu sagen „Der Fokus darf auf mir sein“ ist wichtig, damit wir eine Ausnahmesituation gut überstehen können. Erst recht, wenn es sich um einen Auslöser handelt, der längerfristig ausgehalten werden muss.

Das erleichtert. Und es macht möglich, dass wir bestimmen können, welche Selbstschutz-Maßnahmen wir treffen können:

Muss ich mich von etwas oder jemandem mehr abschotten?

… also das, was mir Kapazitäten raubt oder sich emotional nachteilig auf mich auswirkt, reduzieren? Wie mache ich das am besten? Je nachdem, worum es geht, ist das einfacher machbar.

Manchmal kann man sich nicht komplett abschotten, sondern muss lernen, damit umzugehen. Ich kann mich entscheiden, die Hashtags nicht mehr zu lesen oder einschlägige Internetseiten nicht mehr zu frequentieren. Aber was ist, wenn eine Person in meinem privaten oder beruflichen Umfeld momentan ein Problem für mich darstellt? Ich habe beispielsweise eine Bekannte, die sehr negativ ist. Hier habe ich festgestellt, dass ich eine aktivere Gesprächspartnerin sein muss, um Unterhaltungen mitzulenken und nicht einfach ins Negative laufen zu lassen. Das ist jetzt nur ein Beispiel, es geht darum, die eigene konkrete Situation anzusehen und zu überlegen: Wie kann ich das, was sich negativ auf mich auswirkt, reduzieren?

Wie kann ich mich stabilisieren oder ein Gegengewicht schaffen?

Klar wissen wir das alle, für Ausgleich sorgen, blablabla. Selbst wenn du jemand bist, der normalerweise gut für sich sorgt, ist das in Ausnahmesituationen oft alles andere als leicht. Ich habe in den letzten Jahren beispielsweise mehrere medizinische Krisen meiner Eltern gehabt, mit Krankenhäusern, OPs, Intensivstationsaufenthalten und allem, was dazu gehört.

Bei uns EinzelunternehmerInnen muss die Show weitergehen, weil unser Business von uns abhängt: Es gibt laufende Verpflichtungen, bereits zugesagte Aufträge und es ist wichtig, Zeit und Kopf in irgendeinem Maße freizubekommen. Das ist eine immense Kraftanstrengung und oft logistische Leistung – und je länger ein Ausnahmezustand dauert, desto schwieriger ist das zu handlen.

Gerade darum reicht es nicht aus, nur funktionieren zu wollen oder die eigenen Bedürfnisse hintanzustellen. Sogar wenn du Selbstfürsorge bereits großschreibst, kann es in der Ausnahmesituation sein, dass das, was du normalerweise als Gegengewicht nutzt, nicht genügt für das, was dir derzeit emotional und körperlich zusetzt. Für viele ist das Ausruhen und Nichtstun normalerweise eine wichtige Oase. Doch es kann sein, dass das in der aktuellen Lage genau das Falsche für dich ist, weil du in die Gedankenmühle abrutscht. Darum probier aus, was sich günstig auswirkt. Vielleicht tut es einem überzeugten Meditierer in einer akuten Situation besser, irgendwie körperlich Dampf abzulassen. Und einem passionierten sportlichen Auspowerer, progressive Muskelentspannung zu testen. Vielleicht ist ein unbeschwerter Spiele-Abend das Mittel der Wahl, oder oder oder.

Auch beruflich haben wir oft eine Bandbreite an Aufträgen oder Kunden. Denk ans Computerprogramm, das die Energie zieht. Wenn mein PC total langsam ist, schaue ich einerseits, was die Ressourcen verbraucht. Gleichzeitig schaue ich, welche unnötigen Prozesse ich schließen kann? Ich könnte außerdem zusätzlichen Arbeitsspeicher einbauen. Wenn ich nach einem Gegengewicht Ausschau halte, kann das u. a. bedeuten, dass ich eine bestimmte Art von Aufträgen vorziehe, weil sie mir Freude macht. Ich kann nach Entlastung schauen, indem ich mir erlaube, anstrengendere, konzentrationsreiche oder zeitlich drängende Aufgaben abzulehnen.

Wir müssen in Ausnahmesituationen  darauf schauen, wo die emotionalen Kapazitäten eng werden und wie sie sich auf uns auswirken, damit wir es im Blick haben. Wer es ignoriert oder einfach als Gegebenheit hinnimmt, der unterminiert seine Fähigkeiten, handlungsfähig zu bleiben. Oder fordert von sich, alles irgendwie zu managen, bis er auf dem Zahnfleisch daherkommt. Das schadet uns. Und unserem Business.