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Entscheidungen auseinanderbrechen

Wenn ich Entscheidungscoachings mache, ist meine Hauptaufgabe das Auseinanderdröseln. Ich lasse mir erst mal schildern, worum es konkret geht: Spontan und unzensiert leeren meine Kunden ihren Kopf aus. Dann schaue ich, was Sache ist und formuliere die verschiedenen Aspekte, die es zu entscheiden gilt. So wird automatisch klar, wie die Entscheidungen gewichtet sind und vor allem, welche direkt voneinander abhängen.

z. B.

Mein Freund will die klassische Familie: mehrere Kinder, Haus, Gartenzaun, Hund. Ich will das nicht, zumindest jetzt nicht. Vielleicht nie. Oder vielleicht nur nicht mit meinem Freund? Jetzt deutet alles drauf hin, dass er heiraten will. Ich will schon zusammenbleiben, aber heiraten? Wir sind schon so lange zusammen und nur weil wir andere Lebensvorstellungen haben, können wir doch nicht auseinandergehen? Vielleicht ändert ja einer von uns die Meinung später noch, andererseits die biologische Uhr, und was ist, wenn mein Freund jetzt seine Wünsche nach einer Familie verschiebt, aber ich meine Meinung nie ändere, ….

oder

Einer meiner größten Kunden will mich fest anstellen. Super Gehalt! Aber ich bin gern selbstständig, da hab ich volle Freiheit. Außerdem wäre Reisetätigkeit damit verbunden, ich wäre öfter weg von der Familie. Da müssten wir umdisponieren. Die neue Stelle wäre, was ich früher gemacht habe, bevor ich mein eigenes Business hatte. Das kann ich alles gut, aber ist das nicht ein Rückschritt, wenn ich es mache? Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, ob ich diese typischen Meetings und Kollegen noch aushalte, geschweige denn ineffiziente Diskussionen führen, …

Das Knäuel im Kopf

Wenn wir uns mit dem Entscheiden schwer tun, mixen wir ständig alles Mögliche beim Denken:

  • Worum es geht.
  • Worum es genau (oder eigentlich) geht.
  • Unsere Überlegungen und Befürchtungen zu möglichen Folgen, vor allem auch, was andere denken/sagen/von mir halten/tun könnten.
  • Unsere oft vielfältigen Gefühle.

Dadurch ist das Nachdenken wie flippern: Ein Gedanke prallt am nächsten ab und es geht wild im Hirn hin und her. So kann niemand eine gute Entscheidung treffen! Denn entweder kommst du gar nicht an das, worums tatsächlich geht, oder du entscheidest „am Rand herum“, bei weniger wichtigen Entscheidungen, die mit dranhängen.

Ich lasse mir also zum Auftakt eines Coachings zunächst schildern, worum es geht: Leer einfach mal deinen Kopf aus, schreib runter, was dir dazu alles im Kopf rumgeht. Das darf ruhig wild durcheinander sein, bitte nichts großartig formulieren, aber führs ruhig näher aus, damit ich mehr rauslesen kann.

Dann drösel ich auseinander, um welche Entscheidungen es geht: Ich formuliere das in konkrete Fragen: „Soll ich …?“, „Muss ich …“, „Kann ich …?“, „Geht es …?“, „Ist es schlau, …?“ und schreib eine kurze Erklärung dazu, worum es nach meinem Verständnis bei dieser Entscheidung geht. Das checke ich dann mit meinem Kunden gegen: Stimmt das so?

Jetzt ist die Entscheidung schon sehr viel klarer sortiert: Wir wissen, worum es geht. Wir haben klare Häppchen. Und da diese Entscheidungen in der Regel zusammenhängen, gibt es fast immer einen oder zwei Aspekte, von denen der Rest abhängt.

Was könnte sein?

Als nächsten Schritt lassen sich die weiteren Gedanken und Befürchtungen klarer zuordnen und benennen. Dieses strukturierte Vorgehen erleichtert das Entscheiden enorm. Oft ist dann relativ klar, wie die Antwort ausfällt.

An dieser Stelle gibts dann zwei Reaktionen: Die einen atmen sofort auf, fühlen sich total gut, erst recht, wenn sie innerlich eh schon zu dieser Entscheidung tendiert haben (das tun wir ja ohnehin oft bereits, es relativiert sich nur durch die Flut der weiteren damit zusammenhängenden Entscheidungen, Gedanken und Befürchtungen).

Bei einigen aber fühlt sich die Entscheidung gar nicht wie eine Erleichterung an und das liegt an der „gefühlten Endgültigkeit“ der Entscheidung und dass manchmal weitere Schritte anstehen.

Die „Endgültigkeit“ einer Entscheidung

Es ist eine Sache, sich für etwas zu entscheiden – mach ich das so, so oder lass ich es bleiben? Ein weiteres Paar Stiefel ist es, wenn andere Menschen betroffen sind oder/und wenn ich jetzt aktiv etwas tun muss.

Könnte ich wen enttäuschen? Weil ich von einer Vereinbarung zurücktrete, jemanden „im Stich lasse“, Erwartungen nicht erfülle – vielleicht sogar meine eigenen? Weil ich für wen mitentscheide (und jetzt Konsequenzen entstehen, die andere betreffen) , .?

Fühle ich mich den nächsten Schritten gewachsen/will ich sie gehen? Muss ich die Entscheidung, die möglicherweise unpopulär ist oder mir schwer fällt, öffentlich machen? Wenn ich etwas bleiben lasse, sehe ich es eventuell als Misserfolg an/muss ich etwas abwickeln, was aufwändig oder blöd ist? Wenn ich etwas zusage, fühle ich mich dem, was auf mich zukommt, gewachsen? [siehe: Die problematische Kurz-vor-fertig-Phase auf schreibnudel.de]

Sobald du eine Entscheidung getroffen hast, kann es also sein, dass du vom Kopf zwar weißt, dass es die richtige ist, dass du es gut durchdacht und abgewogen hast. Und doch fühlt es sich nicht unbedingt erleichternd an, weil manche Entscheidungen eben erfordern, dass jetzt was passiert.

Ja, es wird immer Entscheidungen im (Berufs)Leben geben, bei denen man lieber die Augen zumacht und hofft, dass sich die Dinge von selbst regeln. Doch wirklich jeder Mensch, den ich je getroffen habe, wünscht sich Selbstbestimmtheit. Ich will für mich entscheiden, ich will meinen Weg gehen.

Genau darum ist es wichtig, zu trennen:

  • Was will ich? Oder: Was muss ich aus der jetzigen Sicht aktuell tun oder lassen?

UND:

  • Mist, ich habe Angst oder verabscheue die Schritte, die sich daraus ergeben.

Besonders hart ist das, wenn man einen früheren Traum erst mal beerdigen muss. Ich arbeite seit fast zwanzig Jahren mit Selbstständigen, und da war gelegentlich jemand dabei, der ein Ladenlokal aufgeben musste, weil die Fixkosten sich zu sehr angehäuft haben und der Laden einfach nicht ging. Das ist hart, vor allem, wenn es ein großer Traum war. Und doch ist es manchmal goldrichtig, die Handbremse zu ziehen, nicht nur finanziell, sondern weil man merkt: So unbeschwert, wie ich es mir vorgestellt hatte, ist es nicht, einen Laden zu haben.

Oder die Trennung von einem Partner, der einen völlig anderen Lebensentwurf hat, der einfach nicht zusammengeht. Oder die berufliche Chance, die Konsequenzen für andere Menschen – Kunden, Familie, Freunde hat -, die ich aber jetzt, für mich, einfach wahrnehmen will.

Wenn du eine Entscheidung für dich getroffen hast, doch dann einen Rückzieher oder faule Kompromisse machst, weil du das Gespräch mit davon Betroffenen scheust oder Angst vor der eigenen Courage bekommst, schießt du dich ins Knie.

Darum bitte nach getroffener Entscheidung kein Zurückrudern und kein Kopf-in-den-Sand stecken, sondern wenn sich keine Erleichterung ob der inneren Klarheit einstellt, dann – genau wie oben – dein Zögern, Befürchtungen oder den Widerwillen zu dem, was die Entscheidung mit sich bringt, aus dem Kopf schütten, es ordnen und einzeln abklopfen. So bekommst du dich sortiert und handlungsfähig. Es wird schaffbar, auch wenns schwerfällt.