Fortschritte und fortschreiten

Fortschritt braucht Zeit.  Das steckt ja schon im Wort drin: fortschreiten. Einen Schritt nach dem anderen gehen.

Anstatt den Anspruch zu haben, etwas aus dem Stand perfekt zu können, ist es also sehr viel besser, in „fortschreiten“ zu denken. Und hier habe ich drei Aspekte für dich, mit denen du die Wahrscheinlichkeit für Erfolg enorm für dich steigern kannst:

1. Das richtige Werkzeug und Handwerkszeug

Im ersten Teil – Die Auf-Anhieb-Können-Perfektions-Erwartung – habe ich das Hula-Hoopen als Beispiel genommen. Darum lass mich das noch mal kurz aufgreifen, um zu zeigen, was ich mit Werkzeug und Handwerkszeug meine.

Wenn ich das falsche Werkzeug nehme, schaffe ich die Voraussetzung für Frust und Schwierigkeiten. Ich mache es mir schwerer. Im Extremfall be- oder verhindere sogar, dass ich etwas lernen kann. Aus so einer Erfahrung nimmt man dann das Fazit mit „Ich habe es probiert, es ist nichts für mich/ich kann es nicht/es geht einfach nicht“. Dabei lag es am Werkzeug und Handwerkszeug und nicht an der Sache oder an dir!

Wenn ich das richtige Werkzeug nehme, mache ich es mir leichter. Einerseits, weil ich mir damit überhaupt erst die Chance gebe, dass ich etwas überhaupt lernen kann, andererseits, weil ich es mir noch viel leichter machen kann, dadurch viel schneller fortschreite und in kürzeren Abständen immer wieder das Yesss!-Gefühl bekomme, das sich meldet, wenn etwas klappt und sich richtig anfühlt.

Beim Hula-Hoop heißt das:

  • Am Anfang muss der Reifen richtig schön schwer und riesig sein, die Faustregel ist, wenn du den Reifen vor dir auf den Boden stellst, soll er mindestens zum Bauchnabel, noch besser unter die Brust reichen, tatsächlich kann er dir bis zum Kopf gehen. Große und schwerere Reifen machen es so viel leichter, auf Anhieb oben zu bleiben: sie kreisen gemächlicher um den Körper und dieser bekommt dadurch viel einfacher die Gelegenheit, das Gefühl fürs Timing zu entwickeln, um immer eine Verbindung zum Reifen zu halten. [Mit „schwerer“ meine ich übrigens keine Reifen mit Gewicht, sondern simple Anfängerreifen aus dickerem Kunststoffrohr, sowas hier.]
  • Handwerkszeug heißt beispielsweise, zu wissen, dass man keine kreisenden Bewegungen beim Hula-Hoopen macht, sondern dass man immer zwei gegenüberliegende Kontaktimpulse gibt: Also sich entweder vor und zurück bewegt oder von Seite zu Seite.
  • Ein weiteres Handwerkswissen ist der Tipp, dass die Bewegung am Anfang mehr aus den etwas auseinander stehenden Beinen kommt und nicht mit dicht beieinander stehenden Beinen aus der Hüfte.

Das sind nur drei Dinge, die ich vorher nicht wusste. Hätte ich mich vorab nicht kundig gemacht, sondern mir einfach im Spielzeugladen einen Kinder-Hula-Hoop geholt und dann halt probiert, dann hätte ich ganze 5 Minuten durchgehalten, bevor ich das Ding zum Fenster rausgeworfen und gewusst hätte: Ich kann das nicht, eintönig ist es und Spaß macht es auch nicht. Selbst wenn es mir irgendwie gelungen wäre, den viel zu kleinen, leichten Reifen irgendwie oben zu halten, hätte ich das nur unter Anspannung und Hektik geschafft. Mein Körper hätte auf diese Art nie die Gelegenheit bekommen, die richtige Technik als Grundlage zu lernen.

Nur mit diesen drei simplen Handwerkszeugdingen habe ich mir ganz andere Voraussetzungen fürs Ausprobieren gegeben und mir das Lernen erheblich erleichtert.

2. Nicht nur Fortschritte machen, sondern sich das Fortschreiten gestalten

Lass mich ein Beispiel aus der Arbeitswelt machen. Früher gehörte ich zu den Menschen, die schon in der Vorstellungsrunde von Seminaren derart nervös waren, gleich vor allen reden zu müssen, dass ich einen halben Herzkasper bekam. OMG, gleich bin ich an der Reihe! Das Lampenfieber war riesig, ich passte gar nicht auf, was die Leute vor mir erzählten, sondern überlegte, was ich gleich sagen würde. Dabei ging es in der Regel nur darum, meinen Namen und Beruf zu sagen. Und vielleicht, warum ich da bin. Eine Sache von 1 bis 2 Minuten und inhaltlich keine große Hirnleistung. Und doch pochte das Herz bis zum Hals und die Stimme überschlug sich.

Das wollte ich nicht. Ich wollte vor 300 Leuten souverän einen Vortrag halten können. Nicht, um das immer zu tun, sondern um es ohne Not zu können, wenn ich wollte.

Jedem ist klar, dass das nicht auf Anhieb gelingen kann: Der Sprung vom Herzkasper bei einer Vorstellungsrunde im kleinen Kreis zu 300 Leuten Vortragssaal.

Also war es an mir, nicht nur durch das Besuchen von Kursen, etc., Fortschritte zu machen., sondern auch von den Umständen her ein Fortschreiten zu kreieren. Erst habe ich mir vorgenommen, mich bei internen Besprechungen öfter zu Wort zu melden. Dort war ich nicht sonderlich nervös, ich kannte ja alle. Also habe ich häufiger etwas eingebracht. Dann habe ich das gesteigert auf „vor der ganzen Firma“, also einfach mal einen kurzen Beitrag gemacht, wenn der Chef vor allen 50 Leuten was gesagt hat. Dann hin und wieder einen Kurs mitgemacht, wo man voreinander kleine Reden halten sollte. Dann mal an der VHS einen Kurs gegeben, wo ich 12 mir fremde Leute vor mir hatte und wo ich die Fallhöhe als klein empfunden habe. Dann mal einen eigenen Vortrag vor einem Verein gehalten zu einem Thema, bei dem ich wusste es sitzt. Dann mal einen kurzen Fachvortrag vor 30 Leuten, den ich kostenlos gegeben habe, weil ich dachte, wenn ich mich anstelle, haben sie eh nichts bezahlt und können sich nicht beklagen. 😉 Und so habe ich mit der Zeit Übung bekommen und konnte reinwachsen, auch wenn ich jedes mal natürlich total nervös war, war es eine schrittweise Steigerung, die mich nicht überfordert hat. Dazu kommt, dass jede Erfahrung wichtig für den Lerneffekt ist. Gerade die nicht perfekten Momente!

3. „Weniger + oft“ bringt mehr als „immer mal viel“

Fortzuschreiten verlangt Kontinuität. Damit sind wir beim altbekannten Dranbleiben.

Stop & Go, dazwischen immer längere Zeit an Pause, katapultiert fast zurück auf Null. Das, was man bereits gelernt hat, sitzt noch nicht und kann sich zwischendurch nie etablieren, geschweige denn, verfeinern. Vor allem die Unsicherheit am Anfang wird immer wieder zurückgesetzt, wenn man zu lange Zeit verstreichen lässt.

Was ich ebenfalls erst lernen musste: Nicht immer das Riesenfass an Aufwand aufzumachen: Das Tolle ist, dass das Lernen am besten durch Wiederholung funktioniert. Also lieber öfter kurze Etappen, aber dann durch Wiederholung dem Hirn und Körper die Gelegenheit geben, zu verstehen, was verlangt wird. Das war für mich ein richtiger Heureka-Moment, weil ich immer dachte, ich muss sowas wie „3 x die Woche eine Stunde“ anpeilen.

Tatsächlich habe ich das Hoopen am Anfang am schnellsten gelernt, indem ich über den Tag verteilt immer mal wenige Minuten investiert habe. Das hat den Spaß garantiert, ich konnte es jederzeit zwischendurch mal machen und das Hirn hat praktisch die ganze Arbeit gemacht, indem es herausgefunden hat, was es tun soll. Genau dafür ist übrigens jeder Fehler extrem wichtig. Das Hirn lernt nicht durch perfekte Versuche, es lernt auch dadurch, dass es merkt: Hui, das war zu viel Schwung. – Oha, zu spät das Bein gehoben, da muss ich früher die Bewegung einleiten. – Ah! An der falschen Stelle gegriffen. – Juhu, fast! Wenn ich hier etwas schneller bin, könnte es klappen. 

 

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Ein Beitrag geteilt von Gitte Härter (@kannwillmuss)