Früher Vogel vs. ausbrüten

Für ein Buch habe ich mal einige Leute interviewt und mir ihren Entscheidungsprozess schildern lassen. Es war die ganze Bandbreite vertreten: Von Zackbumm-Leuten über Zögerern bis hin zu jahrelangen Brütern.

Jetzt könnte man es sich leicht machen und sagen: Wenns den Leuten gut damit geht, sollen sie sich in ihrem Tempo entscheiden. Für die einen ist es offenbar gut, ad-hoc zu entscheiden, während sich andere wohlfühlen, wenn sie Gedanken wälzen, auf innere Wiedervorlage legen und dann erneut eine Runde sinnieren. Wieder einmal ist es nicht so einfach!

Heute stelle ich dir 5 Fragen rund um „Zeit und Entscheidungen“. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wie das bei dir so ist!

Beeinflusst das, worum es geht, wie lange ich mir Zeit nehme?

Es ist keineswegs bei jedem so, dass die als bedeutender angesehenen Entscheidungen automatisch länger brauchen. Manche Menschen handeln gerade bei den großen Kalibern nach „Augen zu und durch“ oder „Ich höre auf mein Bauchgefühl“. Beides hat Vor- und Nachteile, denn sobald wir im konkreten Fall näher reinzoomen, wird es komplex.

Umgekehrt gibt es Menschen, die gerade bei alltäglichen Entscheidungen zögerlich werden. So kenne ich nicht nur eine Person, die angesichts der Speisekarte samt wartendem Kellner in Bedrängnis kommt.

Spielt es eine Rolle für mich, ob nur ich von der Entscheidung betroffen bin oder auch andere?

Manche können sich sicher und schnell entscheiden, wenn es nur um sie geht, kommen jedoch  enorm ins Grübeln, wenn andere betroffen sind. Vielleicht geht es dir umgekehrt – oder du siehst es noch differenzierter, dann notiere deine Gedanken, inwiefern es für dich eine Rolle spielt, ob andere von einer Entscheidung berührt (oder beeinträchtigt) werden.

Eventuell geht es hier für dich gar nicht so sehr um die Schnelligkeit, mit der du in so einem Fall entscheiden kannst, sondern um die Frage, ob/inwieweit/wann andere ein Mitspracherecht haben sollten?

Stichwort „Bedenkzeit“: Nehme ich mir wirklich Zeit zum Denken oder zögere ich die Entscheidung hinaus?

Es ist wunderbar, sich Bedenkzeit zu nehmen oder sie sich auszubitten, wenn jemand eine Entscheidung von dir fordert. Allerdings beobachte ich mitunter, dass diese Bedenkzeit nicht wirklich mit Überlegungen gefüllt, sondern öfter mal lediglich der Entscheidungsprozess gedehnt wird. Ist das der Fall, steckt meistens was anderes dahinter.

Denk an verschiedene Entscheidungen, wo du ziemlich lange gebraucht hast und schau mal einzeln näher hin:

  • Habe ich wirklich die ganze Zeit dafür genutzt, um zu einer für mich guten Entscheidung zu kommen – oder hatte ich zwischendurch lange Pausen, wo ich gar nicht daran gedacht oder prokrastiniert habe? Wenn ja: Ist das Teil deines Prozesses, reift da im Hintergrund etwas, oder ist es lediglich ein Sich-Drücken?
  • Habe ich abgewartet, dass die Entscheidung für mich getroffen wird – indem ein Termin verstreicht oder eine Person bzw. eine Entwicklung für mich entscheidet?
  • Vielleicht bemerkst du, dass du bei bestimmten Entscheidungen in der Konsequenzen-Mühle landest, wo du ständig überlegst, was sein könnte und dadurch immer wieder von einer Entscheidung abgehalten wirst.

Glaube ich, dass Entscheidungen besser werden, wenn sie länger dauern?

Das ist ein Klassiker, der sich durch andere Bereiche ebenfalls zieht. „Gut Ding will Weile haben“ wird gerne mal umgedreht à la „wenn es schnell geht, ist es nicht gut“. Verschwestert damit ist die gefühlte Leichtigkeit der Entscheidung: Manche Leute trauen sich selbst nicht, wenn sie zu spontan sind. Gerade wenn es sich um eine große Entscheidungen handelt, die möglicherweise krasse Veränderungen nach sich ziehen [oder die man bei anderen wahrscheinlich verteidigen muss], will man es sich nicht zu leicht machen.

Werde ich entscheidungsscheuer, wenn ich mich in irgendeiner Weise festlege?

Es gibt Leute, die generell gerne alle Türen offenhalten. Gehörst du dazu?

Das Problem dabei: Wer sich ständig sämtliche Optionen offenhalten will, verpasst unterm Strich mehr. Jede Entscheidung für (oder gegen) etwas bedeutet aktuell ein Festlegen. Nehmen wir das Beispiel mit dem Restaurant oben: Wenn ich entscheide, mittags ein Schnitzel zu essen, kann ich nicht gleichzeitig Pizza essen.

Oder?

Vielleicht entscheide ich mich, beides zu bestellen und esse nur, bis ich voll bin. So oder so habe ich mich in diesem Moment festgelegt.

Komplexer wird es bei noch bedeutenderen Entscheidungen. Nimm Beziehungen! Manche denken „vielleicht kommt noch jemand Besseres um die Ecke„, sodass sie nur halbherzig in ihren Beziehungen sind.

Beim Aspekt „mich festlegen“ gibt es einen weiteren verbreiteten Aspekt: Das Gefühl des JETZT ODER NIE. Jemand bekommt einen Job angeboten und denkt „diese Chance bekomme ich nie wieder“ und baut dadurch einen riesigen Druck auf. Wenn das Festlegen für dich mit Zögern oder Unmut behaftet ist und du das Gefühl hast, es hindert dich beim Treffen von Entscheidungen, dann drösel deine Gedanken dazu konkreter auf.

Lass dich nie drängeln!

Unabhängig davon, ob du zur schnellen Truppe gehörst oder eher länger abwägst, will ich dir etwas Wichtiges ans Herz legen. Völlig egal, um welche Entscheidung es geht,

  • ob es sich um eine Anschaffung handelt, wo der Verkäufer künstlich Druck aufbaut,
  • ob eine andere Person fingertrommelnd auf eine Antwort wartet,
  • ob es um vermeintlich einzigartige Gelegenheiten geht, wie eine neue Stelle, Wohnung, …

Setz dich bitte nicht unter Druck. Und lass dich nie drängeln!

Wenn du dich nicht wohlfühlst, schnell eine Entscheidung zu treffen, dann sag „Ich weiß es noch nicht und wenn ich mich jetzt sofort – oder bis morgen – entscheiden soll, ist meine Antwort ‚nein‘.“

Das empfehle ich aus mehreren Gründen:

  • Es wird von außen gerne künstlicher Druck aufgebaut (nicht unbedingt absichtlich).
  • Teilweise ist dieser Druck sogar hausgemacht, sprich: Man baut ihn innerlich selbst auf, häufig dann, wenn man irgendwie unzufrieden ist oder sich plötzlich künstlich pushen will, um zu Potte zu kommen.
  • Jede Gelegenheit, aber wirklich jede, kommt wieder beziehungsweise wir können sie uns selbst erneut ermöglichen. Vielleicht in anderer Form. Doch es gibt kein „jetzt oder nie“.

Wer kein gutes Gefühl hat und sich nur gedrängelt fühlt, jetzt sofort was zu entscheiden, der erweist sich einen Bärendienst. Du kannst jederzeit trotzdem einen kurzen Entscheidungsweg haben, aber keinen mit künstlichem Sofort.

Sind andere involviert, wirst du staunen, wie oft aus einem „Sag jetzt sofort!“ ein „Okay, dann wart ich eben“ wird, wenn die Alternative ist „Wenn du jetzt sofort eine Antwort willst, muss ich ablehnen.“

Witzigerweise ist es meistens dann erst recht möglich, schneller als sonst eine Entscheidung zu treffen – aber eine, die nicht davon geprägt ist, dass du irgendwas ausspuckst, nur weil du unter Druck gesetzt bist.