Früher Vogel vs. ausbrüten

Ich habe mal ein Buch übers Entscheidungen treffen geschrieben. Unter anderem habe ich ein paar Leute interviewt und da gabs alle Extreme: von den Zackbumm-Leuten, zu denen ich gehöre, bis hin zu jahrelangen Brütern.

Jetzt könnte man es sich leicht machen und sagen: Wenns den Leuten gut damit geht, sollen sie sich in ihrem Tempo entscheiden. Für den einen ist es offenbar gut, ad-hoc zu entscheiden, während sich der andere wohlfühlt, wenn er immer wieder wälzt, auf innere Wiedervorlage legt und dann erneut eine Runde sinniert.

Wieder einmal ist es nicht so einfach!

Eine Entscheidung ist ein unglaublich komplexes Ding, wo sehr vieles reinspielt. Damit meine ich nicht mal nur die großen Kaliber. Ich kenne so manchen, der angesichts der Speisekarte samt wartendem Kellner in ein Entscheidungsdilemma kommt.

Doch in diesem Artikel will ich dir ein paar Aspekte speziell zum Zeitverhalten ins Hirn pflanzen. Es lohnt sich, mal darüber nachzudenken. Also echt einfach nur überlegen oder aufschreiben, wie das so ist [ohne gleich irgendwas anders machen zu müssen]:

Das gefühlte Kaliber
Beeinflusst das, worum es bei der Entscheidung geht, wie lange ich mir Zeit nehme? Das kann übrigens in alle Richtungen gehen, darum bitte intensiver reindenken: Es ist nämlich keineswegs bei jedem so, dass die als bedeutender angesehenen Entscheidungen automatisch länger brauchen. Manche agieren gerade dann nach dem Augen-zu-und-durch-Prinzip, was zu vorschnellen Entscheidungen führen kann. Wieder andere merken, dass sie super für sich alleine entscheiden können, aber enorm ins Grübeln kommen, wenn andere betroffen sind.
Wie viel Bedenkzeit?
Nehme ich mir tatsächlich Zeit zum Denken oder zögere ich hinaus? Gerade Entscheidungen, die länger dauern, sind oft nicht wirklich mit Bedenkzeit gefüllt, sondern der Entscheidungsprozess wird gedehnt. Ist das der Fall, steckt meistens was anderes dahinter. Denk an verschiedene Entscheidungen, wo du ziemlich lange gebraucht hast, und schau mal einzeln näher hin: Habe ich gehofft, dass die Entscheidung für mich getroffen wird – indem ein Termin verstreicht oder eine Person bzw. eine Entwicklung für mich entscheidet? Habe ich wirklich die ganze Zeit dafür genutzt, um zu einer für mich guten Entscheidung zu kommen – oder hatte ich zwischendurch lange Pausen, wo ich gar nicht daran gedacht habe? Vielleicht bemerkst du, dass du bei bestimmten Entscheidungen einfach in der Konsequenzenmühle bist, also überhaupt nicht ausgewogen nachdenkst, sondern im Oh-Gott-oh-Gott-Modus verharrst.
Gefühlte Entscheidungsqualität
Glaube ich, dass Entscheidungen besser werden, wenn sie länger dauern? Das ist ein Klassiker, der sich oft durch andere Bereiche zieht: Das gute alte „Gut Ding will Weile haben“, was gerne mal umgedreht wird à la „wenn es schnell geht, ist es nicht gut oder übereilt“. Verschwestert damit ist die gefühlte Leichtigkeit der Entscheidung: Manche Leute trauen sich selbst nicht, wenn sie zu spontan sind.
Commitment
Werde ich entscheidungsscheuer, wenn es darum geht, dass ich mich wirklich festlege? Einige Entscheidungen ziehen weitere Schritte nach sich – oder stellen Weichen, die das jetzt gewohnte Leben komplett verändern. Hier ist es völlig natürlich, dass wir in der Regel intensiver drüber nachdenken. Doch gibt es Leute, die generell gerne alle Türen offenhalten, und das ist ein Problem. Denn wer ständig sämtliche Optionen offenhalten will, verpasst unterm Strich mehr. Denn wir wollen selbstbestimmt leben und die meisten haben zumindest vage Vorstellungen, was sie möchten [oder auf keinen Fall mehr wollen] und diese größeren Entscheidungen erfordern Commitment. Keine Angst: Nix ist in Stein gemeißelt.

Nie unter Drängel-Druck!

Unabhängig davon, ob du zur schnellen Truppe gehörst oder eher länger abwägst will ich dir etwas Wichtiges ans Herz zu legen – völlig Wurscht, um welche Entscheidung es geht:

  • Ob es um eine Anschaffung handelt, wo der Verkäufer künstlich Druck aufbaut,
  • ob eine andere Person fingertrommelnd auf eine Antwort wartet,
  • ob es um vermeintlich einzigartige Gelegenheiten geht, wie eine neue Stelle, Wohnung, o. Ä.
  • oder ob du ein regelrechtes Ultimatum bekommst:

Setz dich nie unter Druck. Und lass dich nie drängeln!

Wenn du dich nicht wohlfühlst, schnell eine Entscheidung zu treffen, dann sag „Ich weiß es noch nicht und wenn ich mich jetzt – oder bis morgen – entscheiden soll, ist meine Antwort ‚nein‘.“

Das empfehle ich aus mehreren Gründen:

  • Es wird von außen gerne künstlicher Druck aufgebaut (nicht immer absichtlich) oder als solcher wahrgenommen.
  • Teilweise ist dieser Druck hausgemacht, meistens dann, wenn man irgendwie unzufrieden ist oder sich plötzlich künstlich pushen will, etwa wenn man dazu neigt, Dinge oft lange rauszuzögern.
  • Jede Gelegenheit, aber wirklich jede, kommt wieder. Vielleicht in anderer Form. Doch es gibt kein „Jetzt oder Nie“. Außerdem entstehen neue Gelegenheiten, die manchmal sogar noch besser sind.

Wer kein gutes Gefühl hat und sich nur gedrängelt fühlt, jetzt sofort was zu entscheiden, der erweist sich einen Bärendienst. Du kannst jederzeit trotzdem einen kurzen Entscheidungsweg haben, aber keinen mit künstlichem Sofort.

Sind andere involviert, wirst du staunen, wie oft aus einem „sag jetzt sofort“ ein „okay, dann wart ich eben“ wird, wenn die Alternative ist „wenn du jetzt sofort eine Antwort willst, muss ich ablehnen.“

Witzigerweise ist es meistens dann erst recht möglich, schneller als sonst eine Entscheidung zu treffen – aber eine, die nicht davon geprägt ist, dass du irgendwas ausspuckst, nur weil du unter Druck gesetzt bist.

 

Mein Entscheidungsbuch ist vergriffen
Wie fast alle meine Bücher. Das ist mir recht, weil ich mittlerweile teilweise anders denke und vor allem anders schreibe. Wenn du dennoch gerne ein Buch von mir lesen würdest, empfehle ich dir meine GABAL-Bücher.