könnte

Ich könnte hinfallen!

Visualisieren konnte ich noch nie. Dieses Vor-dem-geistigen-Auge ausmalen, wie etwas sein wird. Eine frühere Kollegin, die aus dem angestellten Büroalltag ausgestiegen war und eine Ausbildung zur Akupunkturistin angefangen hatte, hat mir mal erzählt, dass sie sich bereits in ihrer eigenen Praxis sehen konnte, wie sie einen weißen Kittel trägt und behandelt. Das hat sie wahnsinnig motiviert. Ein Fixstern.

Ich sehe vor meinem geistigen Auge … nichts. Zumindest nicht, wenn es um die kleinen und großen Ziele geht, die ich habe.

Was ich hingegen richtig gut sehe, praktisch in cinematischer Qualität, sind die verschiedenen Möglichkeiten, wie es mich spektakulär vom Skateboard oder Einrad hauen könnte. Damit bin ich nicht alleine. Oft sind wir ganz großartig darin, uns auszumalen, was alles schiefgehen kann. Ganz unabhängig, worum es geht.

Fast immer ist es der worst case

Die meisten Menschen halten sich intensiv mit Befürchtungen auf. Je größer das Risiko erscheint – oder je kleiner die Zuversicht ist -, desto phantasievoller „wissen“ wir, was alles eintreten könnte. Natürlich ist das meistens der worst case.

Ich kann mich an eine Selbstständige erinnern, die derart Bammel vor einem Vortrag vor Fachpublikum hatte, dass sie sicher war, dass alles von dieser Rede abhängt: Sie war davon überzeugt, dass sie sich blamieren wird bis auf die Knochen, dass alle sie auslachen werden und sie daraufhin nie mehr einen Auftrag bekommt, sondern unter der Brücke landen wird.

Von „Ich hab Schiss vor diesem Vortrag“ bis „Ich lande unter der Brücke“ in 3 Sekunden!

Klar ist das jetzt ein äußerst plakatives Beispiel. Doch für einige von euch klingt die Richtung bekannt, hab ich recht?

Der breite Strauß an Möglichkeiten und Anzeichen

Es gibt Weiß, Schwarz und dazwischen jede Menge Grautöne. Genau daran erinnere ich ständig – mich selbst auch. Wobei ich sagen muss, dass ich selten direkt auf Extreme komme.

Was sicher damit zusammenhängt, dass ich mich seit jeher an Wahrscheinlichkeiten halte: Wenn ich tagelang starkes Kopfweh habe, gehe ich davon aus, dass ich Kopfweh habe – und nicht, dass es ein Gehirntumor ist. Wenn ich einen neuen Job suche, gehe ich davon aus, dass es nicht leicht sein wird, aber nicht davon, dass ich sicher eh nichts bekomme. Wenn ich einen Vortrag halte, gehe ich davon aus, dass viel passieren kann – aber es nicht wahrscheinlich ist, dass mich das Publikum auslacht, wenn ich einen Fehler mache. Und wenn ein Kunde unzufrieden mit mir ist, gehe ich nicht davon aus, dass mein Ruf in der ganzen Branche ruiniert ist.

Das hat jetzt keineswegs nur mit positivem Denken zu tun
Sondern ich meine wirklich die Wahrscheinlichkeiten – das realistische Betrachten dessen, was alles passieren könnte UND gleichzeitig das Einschätzen, wie wahrscheinlich das ist.

Ich sage nicht „Denk halt WIRD SCHON SCHIEFGEHEN“, sondern ich sage: Was kann noch alles passieren – und wie wahrscheinlich ist es?

  • Kann ein Kopfweh ein Gehirntumor sein? – Ja. Es gibt sehr viele andere und jede Menge harmlosere Gründe für starken Kopfschmerz, aber es könnte ein Symptom für einen Tumor sein. Doch wie wahrscheinlich ist das?
  • Kann es passieren, dass ich einen Vortrag vor Fachpublikum versemmle? – Klar könnte das sein. Ich halte es nicht für sehr wahrscheinlich, einen kompletten Vortrag zu versemmeln, außer man spricht über ein Thema, wo man sich nicht auskennt. Aber es könnte sein, dass man was Blamables tut oder sagt. Kann das dazu führen, dass man zur Witzfigur in der Branche wird? – Das halte ich jetzt kaum für wahrscheinlich. Unter anderem, weil das Publikum aus Menschen besteht, nicht aus lauter schadenfrohen Teufeln. Kann es dazu führen, dass man wegen eines Vortrags nie wieder einen Auftrag bekommt und unter der Brücke landet? Nein, das ist nicht nur nicht wahrscheinlich, sondern das ist unmöglich, sowas kann ein einziger Auftritt nicht auslösen, selbst wenn man die unrühmlichste Performance aller Zeiten hinlegt (was man erst mal hinkriegen müsste).

Vielleicht fallen die befürchteten Konsequenzen bei dir nicht ganz so extrem aus, doch selbst dann bitte Vorsicht: Auch weniger krasse Szenarien können Vorhaben im Keim ersticken oder dazu führen, doch lieber die Latte ein wenig zu verschieben – nach unten oder auf später.

Oft vergessen wir, diese befürchteten Auswirkungen auf Wahrscheinlichkeiten zu checken. Doch selbst wenn uns klar ist, dass da was logisch betrachtet nicht haltbar ist, so geistert es dennoch in uns rum – und hält uns entweder ganz ab oder, noch schlimmer: Es sabotiert uns so, dass wir zögerlich reingehen und uns dadurch tatsächlich ein Bein stellen. Ich habs gleich gewusst!

Und wenn es doch passiert?

…. dann sind wir erneut bei den Wahrscheinlichkeiten! Nur weil der befürchtete Ernstfall eingetreten ist, heißt es noch lange nicht, dass die angenommenen Konsequenzen genau so ausfallen, wie wir sie uns ausgedacht haben.

Ich bin etwa mit dem Einrad 4 x dramatisch gefallen. Um von Wahrscheinlichkeiten zu reden:

  • Wir reden von sechs Monaten üben – bei schönem Wetter bis zu 4 x pro Woche, bei schlechtem Wetter im Schnitt 2 x. Bei jeder Übungszeit kommt es nonstop zu „unplanned dismounts“, ungeplantem Absteigen. 🙂 So heißt das lustigerweise. Beim Einrad landet man so gut wie immer ganz einfach auf den Beinen, wenn man die Balance verliert.
  • Ich habe einen Helm auf und Handschoner, fahre immer in Jeans und gutem Schuhwerk. Selbst wenn ich falle, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich saublöd falle und mich verletze, nicht so groß. Ich könnte sogar noch Ellbogen-, Knie- und Schienbeinschützer tragen, also die Absicherung erhöhen.
  • Von den vier Stürzen bin ich dreimal so richtig auf den Rücken gefallen (wie in einem Slapstick-Film, kurz waagrecht in der Luft und dann mit Karacho auf den Beton) und einmal bin ich nach vorne abgeworfen worden. Was ist passiert? – Beim ersten Sturz NICHTS. Ich bin erstaunt aufgestanden, mir tat nicht mal was weh! Beim zweiten Sturz ist mein Kopf auf Beton gedonnert, abgeprallt und noch mal draufgedonnert, was ich interessiert zur Kenntnis genommen habe, weil der Helm alles abbekommen hat und ich dachte uiuiui, wenn ich den jetzt nicht aufgehabt hätte. Bei diesem Sturz hatte ich sonst nichts, konnte aber am nächsten Tag nur beschwerlich aufstehen, bis ich in Gang war. Beim dritten Sturz hatte ich ein paar blaue Flecken. Und beim Im-hohen-Bogen-nach-vorne-Fallen hatte ich schmerzhafte Abschürfungen an zwei Fingern und mein Handgelenk war etwas lädiert, sodass ich einige Tage stillhalten musste.

Warum erzähle ich das? Weil ich unterm Strich bei jedem Sturz froh war hinterher: Ich habe erlebt, dass mein worst case eintreten kann. Doch selbst dann ist das Erleben und die Folgen nicht zu 100 % das, was ich daran gefürchtet habe.

Im Gegenteil:

Ich habe bei drei Stürzen sofort gewusst, warum ich gestürzt bin: Denn es gab immer einen Fahrfehler oder ein anderes Verhalten, das dazu geführt hat – und daraus habe ich gelernt, was ich künftig nicht mehr tun werde beziehungsweise worauf ich besser achten muss.

Auch wenn der Schock, dass ich so krass auf Beton gekracht bin, riesig war, habe ich gelernt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ich mir alle Knochen breche, dennoch nicht hoch ist. Erst recht mit Sicherheitsmaßnahmen. Und dass ich mit den meisten Folgen leben kann, was mir die Angst vor künftigen Stürzen total genommen hat. Dadurch fahre ich noch sicherer, denn ängstliches Zögern führt Fehler oft erst herbei.

Ich bin aufgestanden, habe Inventur gemacht und habe – bis auf ein Mal, wo ich eh gerade auf dem Heimweg war – sofort weitergemacht, um nicht erst irgendeine Scheu aufzubauen. 

Den Helm habe ich vorher schon immer getragen, aber nach dem Erleben, mit dem Kopf auf Beton zu donnern, weiß ich, dass ich ganz sicher nie eine Ausnahme bei Sicherheitsmaßnahmen machen werde, was mich künftig vor Leichtsinn schützt, wenn ich das Einradfahren beherrsche.

Wie gesagt, geht es mir gar nicht nur um Sport

All das lässt sich umlegen auf jedes andere Vorhaben, bei dem du dich innerlich abbringst:

  • Die Angst, bei der Kundenakquise einen Korb nach dem anderen zu bekommen.
  • Ständiges Einlenken, Zurückstecken oder „Hier“ schreien, wenn Arbeit verteilt wird, weil du denkst, man mag dich sonst nicht mehr.
  • Die Bewerbung für einen höheren Job oder die Entscheidung, dich selbstständig zu machen.
  • Sich aus einer unglücklichen Partnerschaft zu lösen, es aber nicht zu tun, weil so viel damit zusammenhängt, allem voran das Alleinesein.
  • Jemanden anzusprechen, den du toll findest, oder einfach nur gerne näher kennenlernen würdest, um Freundschaft zu schließen.
  • Ein Vorhaben anzupacken, dass du so gerne mal tun würdest, dich aber abbringst, z. B. in eine Poledance-Stunde gehen, alleine in Urlaub zu fahren, oder oder oder.