sollte

Ich sollte … das eigentlich weitermachen

Es gibt oft sehr gute Gründe, etwas fortzuführen. Zum Beispiel bin ich jetzt über zwanzig Jahre selbstständig. Wer mich schon länger kennt, weiß: Alle paar Jahre habe ich etwas komplett verändert. Das war beruflich bei mir schon immer so. Auch als Angestellte brauchte ich immer dann was Neues, wenn ich das Gefühl hatte, das habe ich jetzt lange genug gemacht, das wird mir zu sehr Routine.

Nun ist es wirtschaftlich betrachtet nicht unbedingt schlau, ein laufendes Geschäft bleiben zu lassen. Damit meine ich nicht nur das komplette Umkrempeln eines Business, sondern einzelne Leistungen oder Kunden. Viele EinzelunternehmerInnen kennen das: Da gibt es was, das super läuft, aber man hat nicht mehr so die Lust drauf. Weil es aber schon so etabliert ist und oft nachgefragt, macht man es weiter. Das kann auch nur einen Auftraggeber betreffen. Ich habe ja die letzten Jahre viele Websites mit Kunden gemacht, und da gab es immer wieder Selbstständige, die gesagt haben: Leistung X bucht seit Jahren dieser eine Kunde, der kauft aber viel davon. Eigentlich hab ich keine Lust mehr drauf, aber ich traue mich nicht, das Angebot rauszunehmen.

Das Geschäftsleben ist jetzt nur ein Feld, bei dem das „ich sollte xy weitermachen“ aufkommt. Persönlich gibt es das ebenfalls:

  • Etwa ein Hobby, das man schon so lange macht, also sehr viel an Training reingesteckt hat und schon viel erreicht hat, sodass es einfach ein Jammer wäre, es nicht mehr zu machen, selbst wenn man nicht mehr will.
  • Mitunter spielt das Umfeld eine Rolle: Andere finden, dass man etwas unbedingt weitermachen muss, weil es dieses oder jenes bringt – oder zu unsicher wäre, es nicht mehr zu tun. Vielleicht ist das, worum es geht, für andere sehr erstrebenswert, sodass sie es einfach nicht akzeptieren, wenn man nur andeutet, es aufzugeben.
  • Oder es geht um etwas, das man immer schon wollte und endlich angefangen hat. Oder sogar jahrelang darauf hingearbeitet hat und dann merkt „hm …“. Beruflich gesehen war es vielleicht dein Traum, selbstständig zu sein – aber jetzt wo du es bist, merkst du, dass du viel lieber angestellt warst. Oder du hast dich hochgearbeitet und endlich einen gut bezahlten Managementposten und merkst: Oha, ich hasse Personalverantwortung, aber das ist es doch, was ich immer wollte!

„sunken cost“

Eine große innere Hürde, die einem oft gar nicht bewusst ist, ist der Fehlschluss der „versunkenen Kosten“ [sunken cost fallacy]: Man hat schon so viel in eine bestimmte Sache investiert, dass man praktisch weitermachen muss.

Wenn ich also eine Ausbildung gemacht habe, viele finanzielle und persönliche Opfer gebracht habe, aber mittendrin merke, mir macht das gar keinen Spaß, dann muss ich es durchziehen, sonst wäre das ja alles für die Katz.

Das gilt auch für kleinere Projekte. Weil wir vorhin als Beispiel bereits die Websites hatten: Ich hatte es schon oft, dass Kunden mir erzählt haben, dass sie Monate (oder gar Jahre!) an ihrer Website rumgemacht haben – manchmal ist das, was sie bisher getan haben, mittlerweile überholt. Oder es war noch nie wirklich das, was sie wollten. Aber es geht doch nicht, das jetzt alles zu zerknüllen!

Doch. Das geht.

Wenn du feststellst, dass du etwas nicht – oder so nicht mehr – weitermachen willst, sich aber alle möglichen logischen Gründe vordrängen und du dich dabei ertappst, dass du dich umstimmst oder dir verbietest, etwas sein zu lassen, dann schau dir bitte immer genau an, was du warum lieber lassen möchtest.

Vor lauter Propagieren, dass man etwas durchziehen und dranbleiben muss, wird gerne mal übersehen, dass es genauso wichtig ist, Dinge ad-acta zu legen. Sich von etwas zu befreien, damit Raum, Kraft und Lust für Neues geschaffen wird.

siehe auch: Loslassen vs. abschließen (auf schreibnudel.de)