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Ich sollte … freundlicher dreinschauen?

Ich habe, wie man so schön sagt, ein resting bitch face: Wenn ich entspannt schaue, schaue ich grantig. Wenn ich mich konzentriere, ziehe ich die Augenbrauen bedrohlich zusammen. Und es passiert mir, dass – ohne mein Zutun – die Mundwinkel extrem nach unten wandern.

Einmal haben mich im Englischen Garten zwei Männer besorgt angesprochen: „Ist alles in Ordnung? Niemand sollte so schauen müssen wie Sie!“

Und sogar in meiner Familie, wo man meine Fresse gut kennt, kommt gelegentlich ein „Ist alles okay?“, wenn mir mal wieder die Gesichtszüge allzu drastisch entgleist sind.

Gründe, warum ich freundlicher schauen sollte und ein triftiger, der dagegen spricht:

Es verunsichert andere nicht

Wir orientieren uns natürlich danach, wie andere Menschen schauen. Das wissen ganz besonders diejenigen, die schon mal einen Vortrag gehalten haben oder Seminare geben. Wenn du vor Leuten stehst, die dich leer oder grimmig anschaut, denkst du: Oha, die denken, ich rede Unsinn! oder Die sind anti! 

Früher habe ich oft Vorträge gehalten und gerade die, die ich als total anti erlebt habe, kamen hinterher, um mich zu loben oder was zu fragen. Tatsächlich haben sie so grimmig geschaut, weil sie überlegt haben.

Das heißt nicht, dass jeder, der fies schaut, einfach nur ein resting bitch face hat. Aber es heißt, dass andere natürlich beeinflusst – oder beeinträchtigt sind. Ich ertappe mich manchmal in der Supermarktschlange, wie ich gerade schaue und korrigiere mich dann. Weil ich weiß, dass die Kassiererin denkt, ich bin wütend oder zumindest sicherlich keinen besseren Tag hat, wenn sie Leuten wie mir begegnet.

Es verbreitet Freundlichkeit – und das wirkt sich aus

Umgekehrt erinnere ich mich immer wieder gerne an einen ganz bestimmten Vortrag: Da hatte ich nämlich eine Frau im Publikum, die mich ständig angelächelt und aufmunternd genickt hat. Das hat sich so gut angefühlt in dem Vortrag, dass ich es heute noch weiß.

Oder im Alltag: Blickkontakt aufnehmen in der U-Bahn, kurz anlächeln, wenn man jemanden vorlässt. Klar ist das schöner! Auch für einen selbst.

Wohl denen, die sowieso freundlich dreinschauen. Für alle, die standardmäßig so schauen, als ob mit ihnen nicht gut Kirschen essen ist, brauchts extra Energie: Es zu merken und es umzugewöhnen.

Freundlich zu schauen, macht den Alltag für andere besser. Und es macht ihnen das Leben leichter, wenn sie direkt mit einem zu tun haben.

Es gibt weniger Missverständnisse

Wer davon ausgeht, dass das Gegenüber ein Miesepeter ist oder, noch schlimmer, sich kritisiert fühlt, der wird sich anders verhalten.

Wir Menschen sind gut im interpretieren. Doch wir sind gerade deswegen so gut im falsch Reindeuteln.

Wenn ich freundlicher schaue, sorge ich dafür, dass weniger Misstverständnisse entstehen – denn die Menschen gehen nicht davon aus, dass ich negativ bin oder sogar gegen sie. Sie müssen nicht, wie die beiden aufmerksamen Männer, besorgt sein.

Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand entspannter und freundlicher auf mich reagiert, ist höher, wenn ich kein mieses Gesicht vor mich hertrage.

Ich fühle mich besser

Mies schauen hat meistens mit irgendeiner Anspannung zu tun. Denn zwar ist mein normaler gelassener Gesichtsausdruck eher negativ – doch so richtig heftig wird es, wenn ich die Stirn oder die Kieferpartie verziehe. Unnötige Anspannung kostet Energie und weckt negative Gefühle. Beispielsweise kenne ich es, dass ich ohne Grund aggressiv bin. Hausgemacht!

Das Gemeine ist, dass man diese unwillkürlich angespannten Muskeln meist gar nicht mehr bemerkt. Erst wenn man direkt aufmerksam wird.

Ich habe kürzlich dieses interessante Tutorial gesehen, das ich natürlich sofort ausprobieren musste: Es sind einige Übungen, die im wesentlichen damit zu tun haben, dass man mehrmals am Tag Vokale unterschiedlich mischt, also z. B. A-O-A-O-A-O abwechselnd hintereinander sagt, und Gefühle „nachmacht“ (im Video kommen ein paar konkrete weitere Übungen, ab Minute 2:45 geht es ums Gesicht). Kurz gesagt, geht es darum, dass wir unsere Gesichtsmuskeln im Alltag zu wenig nutzen. Nach einigen Tagen merke man einen Unterschied.

Das musste ich natürlich probieren. Und es war eine Offenbarung: Nach nur drei Tagen habe ich gemerkt, wie sich mein Gesicht deutlich entspannter um die Mundpartie angefühlt hat – und zwar kurioserweise oberhalb des Mundes, nicht am Kiefer.

Nach eineinhalb Wochen habe ich tatsächlich im Alltag gemerkt, wie ich freundlicher schaue und leichter lächle.

Natürlich habe ich, wie das manchmal so ist, nach zwei, drei Wochen damit aufgehört. Und was soll ich sagen: Alles beim Alten!

vorteilhaft: Ich habe meine Ruhe!

Der Vorteil meines Gesichts ist, dass ich so gut wie nie von jemandem angesprochen werde.

  • Ich muss wenig Smalltalk machen.
  • Ich werde auf der Straße praktisch kaum angesprochen, um irgendwelche Unterschriften zu leisten oder Zettel zu nehmen.
  • Im Stadtgetümmel macht sich mir oft der Weg frei.

 

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Warum sind wir nicht konsequenter ... kriegen den Arsch nicht hoch oder machen Dinge, von denen wir wissen, dass sie uns bremsen? - Ist doch immer wieder interessant, sich da selbst auf die Schliche zu kommen. PS: Vom Hadern halte ich ganz und gar nichts!