Jeder Jeck ist anders

Seit ich „groß“ bin, ist mein Geburtstag für mich ein Tag wie jeder andere. Ich mag den damit verbundenen Trubel nicht: Die Gratuliererei. Die Telefoniererei. Und, wenn ich dummerweise gerade unter Leuten bin: Die Singerei.

Jetzt ist das alles furchtbar nett gemeint und ich freue mich, dass sich andere mit mir freuen und so aufmerksam sind. Aber während andere sich begeistert an diesem Tag feiern lassen, will ich – wie immer 😉 – am liebsten meine Ruhe. Darum habe ich als Angestellte [wann immer es ging] freigenommen. So ließ sich der Bohei deutlich reduzieren.

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Bei Sorgen und Belastung, so heißt es, soll man sich anderen öffnen. Das Herz ausschütten. Die Schulter zum Anlehnen nützen.

Mir hat das noch nie was gegeben. In einer akuten Belastungsphase oder wenn mich etwas quält, ziehe ich mich in meine Höhle zurück, mache die Dinge mit mir aus. Wenn überhaupt, rede ich darüber, wenn es längst Vergangenheit ist.

Es hilft ganz sicher vielen Menschen sehr, wenn sie Beistand, Trost oder Rat bekommen. Doch ich funktioniere bestens mit mir alleine: Ich komme mit so Situationen glücklicherweise recht gut klar und ich habe ein gutes Gespür, was ich wann in welcher Dosis brauche oder nicht.

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Warum erzähle ich das?

Wir stülpen oft in bester Absicht etwas über

Wer total gerne Geburtstag feiert, den Rummel um die eigene Person genießt und sich tierisch freut, wenn nonstop das Telefon läutet, denkt gerne, dass das einfach so ist. Dass sich ein Geburtstagskind ganz sicher darüber freuen wird, wenn es eine Party bekommt oder dass etwas nicht stimmt, wenn dem nicht so ist.

Bei manchen Themen wird man dann schon mal diagnostiziert. So wurde mir mal bescheinigt, dass meine Abneigung gegen Biergärten oder allem, wo viele Leute auf einen Haufen sind, einer sozialen Phobie gleich käme. Womit wir beim Trivialisieren von Begriffen und Krankheiten wären, die allzu inflationär aufgedrückt und küchenpsychologisch bewertet werden – aber das ist ein anderes Thema.

Nicht immer fühlt sich der Jeck wohl
Natürlich ist es manchmal durchaus so, dass da was nicht stimmt. Dass sich da jemand beispielsweise gerne öffnen möchte, aber nicht weiß, wie. Oder dass die Rücksicht, andere nicht zu belasten, zu schwer wiegt und man sich selbst zurücknimmt. Es ist wichtig, das im Auge zu haben, aber nicht gut, es zu unterstellen.

Mitunter gehen wir zu sehr von uns selbst aus

Voller guter Absichten tun – oder unterlassen – wir etwas, denken uns in jemanden rein, merken jedoch vielleicht überhaupt nicht, dass unsere Sichtweise eben „nur“ das ist: unsere eigene.

Wie eingeschränkt das sein kann, erlebe ich seit fast zwei Jahrzehnten in meinen Schreibcoachings und –workshops, wo Ratgebertexte fast immer persönliche Züge haben. Wo es um Denke, Verhalten, Eigenheiten geht. Und wo selbst Fachleute, die täglich mit den unterschiedlichsten Menschen arbeiten, die Zwischentöne und das Individuelle nicht oder nicht genug berücksichtigen.

Es ist eine gute Idee, finde ich, sich immer wieder daran zu erinnern, dass andere Menschen anders ticken. Dass sie möglicherweise etwas anderes brauchen, als wir selbst uns in einer vergleichbaren Situation wünschen.

Das ist gar nicht so leicht, denn natürlich denken + handeln wir so, wie wir es gewöhnt sind. Das ist unser Normalität. Wir greifen automatisch auf das zurück, was wir kennen, was sich für uns bewährt hat. So ist mein erster Impuls, wenn jemand irgendwelche Sorgen hat oder einen Schicksalsschlag erlitten, Abstand zu halten. Die „eigene Höhlenphase“ zu respektieren. Tue ich das, weil ich davon ausgehe, das ist das Einzige, was man in dieser Situation braucht, handle ich voller guter Absicht – und tue möglicherweise genau das Falsche.

  • Das heißt nicht nur, dass wir breiter denken.
  • Es heißt nicht nur, den anderen einfach zu fragen.
  • Es bedeutet auch, zu sagen, was man möchte. Ich habe ein paar  Beispiele, die exzellent illustrieren, wie wir uns – und anderen – helfen können, das zu bekommen, was wir brauchen.

Beispiel 1: Party-Einladungen

Als ich noch angestellt war, habe ich oft Einladungen bekommen, auf Geburtstagsparties, Vernissagen oder in ein Bierzelt aufs Oktoberfest!

Ich fahre seit jeher bestens damit, ehrlich zu sagen: „Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich riesig, dass [Sie an mich denken/ich dabei sein dürfte/Sie Ihre Bilder ausstellen …]. Allerdings sind so Partys mit lauter Menschen und Trubel für mich der Horror, darum werde ich nicht kommen. Aber ich wünsche Ihnen eine gute Zeit und laden Sie mich gerne nächstes Mal wieder ein!“ – Kein einziges Mal war wer böse. Die Leute haben gelacht, fanden die Ehrlichkeit erfrischend und oft genug haben sie gesagt, ihnen gehe es genauso.

Einmal hat ein Lieferant das Jahr darauf angerufen und gesagt: „Frau Härter, es ist soweit: Ich lade Sie nicht zum Oktoberfest ein!“

Beispiel 2: Personal Training

Ich war einige Jahre in einem Sport-Bootcamp und habe die Trainerin immer gebeten, strenger zu sein. Zum einen finde ich es witzig, wenn mich jemand zusammenscheißt, wenn ich Liegestützen schlampig mache oder zu viel jammere (was viele andere unmöglich und demotivierend fänden … jeder Jeck eben).

Zum anderen hängt meine persönliche Leistungsfähigkeit davon ab, ob man mir Jammerspielraum gibt. Ich bin nämlich kein Ehrgeizler, was Sport angeht und ich strenge mich nicht gern an.

Kurioserweise ist es aber so, dass ich wirklich leistungsfähiger bin, wenn ich klare Ansagen bekomme und wenn das Gegenüber sozusagen von mir erwartet, dass ich das jetzt durchziehe. Dann mache ich es, fühle mich sogar stärker und lasse nicht nach.

Beispiel 3: Blöde Häppchen!

Es gibt Menschen, die mit kleinen Häppchen total gut fahren. Bleiben wir kurz beim Sport:

„Wir machen 20 Kniebeugen.“
„Jetzt noch 10“.
„Jetzt die letzten 10!“

Sowas macht mich wahnsinnig!  Ich will sofort wissen, was auf mich zukommt. Wenn der Trainer sagt: Wir machen jetzt 100 oder 200 Kniebeugen, dann ist mir das viel lieber, selbst wenn es eine sehr hohe Wiederholungszahl ist, als wenn „noch x“, „nochmal y“ kommt. Da werde ich stinkesauer und verliere jede Lust.

Bei größeren Projekten oder schlechten Nachrichten ist es genauso: Ich will gefälligst alles auf einmal wissen! Dann weiß ich, womit ich es zu tun habe und kann mich drauf einstellen.

Für andere ist es viel motivierender, kleinere Häppchen zu bekommen – und die zu meistern, um dann weitere Kräfte zu mobilisieren.

Das sieht man uns aber nicht an

Manchmal wissen wir selbst nicht, was wir brauchen, weil wir noch gar nicht auf die Idee gekommen sind, dass wir etwas Gewohntes [oder Übernommenes] ändern könnten. Dass etwas anderes besser wirkt. Dass unser Gegenwarts-Ich was anderes braucht, als das Vergangenheits-Ich. Oder aber, weil wir in einer bestimmten Situation bisher einfach noch nicht waren.

Darum ist es gut, breiter zu denken – immer wieder mal was auszuprobieren und zu spüren, wie das so ist.

Noch besser: Anderen zu sagen, was wir brauchen.

Und gelegentlich upzudaten, ob das so noch stimmig für uns ist.