Lehrmeister Einrad

Balance hat mich immer schon eher aggressiv gemacht. Die Henne oder das Ei – wer weiß. Jedenfalls mag ich statische Übungen nicht. Bleib bloß weg, Yoga-Baum und Standwaage!

Ich könnte ja Einradfahren lernen.

Ein Satz, der noch bis vor kurzem unter „Dinge, die ich nie sagen werde“ lief. Aber dann dachte ich mir: Das ist ja ideal, da rührt sich was, es ist nicht langweilig … und wenn ich es kann, habe ich für Balance und Körpergefühl richtig viel gemeistert.

Im Schnitt, heißt es im Netz, braucht man 10 bis 15 Stunden, bis man Einradfahren kann – die ersten davon hält man sich an einer Mauer oder einem Zaun fest. Mit „Können“ ist gemeint: geradeaus nach vorne fahren. Kurven brauchen dann nochmal. Rückwärts- und Auf-der-Stelle-fahren sind wohl extra schwer.

10 bis 15 Stunden ist ein realistisches Ziel.

Allerdings ist es beim Einradfahren so, dass man am Anfang praktisch nur fällt. Fortschritte sind minimal. Sofern man die Unsicherheit und das ständige „Runterfallen“ aushält, sich bei der Stange hält, konzentriert zu üben, kann man es anscheinend plötzlich.

Übrigens ist das Fallen gar nicht so tragisch ...
… denn meistens steigt man einfach ab: Es gibt natürlich die richtigen und falschen Techniken. Selbst wenn man einfach unkontrolliert nach vorne oder hinten kippt, ist es meistens kein Problem, weil man das Einrad einfach fallenlässt. Es ist so gebaut, dass es auf den Boden knallen kann – so landet man einfach auf den Füßen. Ich weiß nicht, wie oft ich jetzt schon abgestiegen bin, hin und wieder absichtlich, um die Technik zu trainieren aber endlos oft unabsichtlich. Erst ein einziges Mal bin ich auf den Hintern gefallen, und das in Zeitlupe, ist also gar nichts passiert.

Derzeit habe ich fünf Trainings-Einheiten hinter mir à einer halben Stunde und kann jetzt schon sagen: Nichts hat mich bisher stärker mit mir selbst in Verbindung gebracht.

… mit meiner Angst und meinem Mut

Vorausgeschickt sei, dass ich keiner dieser Kamikazeleute bin, die einfach alles furchtlos ausprobieren – oder irgendwie superbewegungstalentiert sind. Schon in der Schule gabs immer die zwei, drei Leute, die ALLES sofort gemacht haben: Hochsprung! Barren! Salto! Und weil sie so zuversichtlich waren, waren sie meistens direkt erfolgreich. Denn Zögern und Angst verhindern allzu oft, dass was gut geht.

Von der Logik her habe ich keine Angst, aufs Einrad zu steigen. Der logische Teil meines Hirns sagt:

  • Wacklige, instabile Geschichte.
  • Total nah am Boden, keine Geschwindigkeit.
  • Ich kann jederzeit Schoner und Helm aufsetzen.
  • Kann also nicht wirklich was passieren.
  • Krieg ich schon hin!

Der instinktive Teil sieht das anders: Der wittert Gefahr. Entsprechend schlägt er zwischendurch immer wieder Alarm.

Zum Beispiel muss man sich, damit das Einrad sich fortbewegt, ein bisschen vorlehnen, dann aber immer wieder gerade aufrichten, damit der Rücken sozusagen die Verlängerung zum Einrad ist und sich alles stabil im Gleichgewicht halten lässt. Lehnt man sich zu weit vor, kippt die Chose nach vorne. Gibt man zu viel Gewicht nach hinten, riskiert man, nach hinten wegzukippen.

Da das Hirn erst lernen muss, die Lage einzuschätzen, um dem Körper die richtige Motorik beizubringen, ist es derzeit ein ständiges Wechselbad der Gefühle.

… mit meiner inneren und äußeren Ruhe

In dem Moment, wo die Unsicherheit groß ist – oder die innere Angst anspringt –, merke ich schlagartig, wie in mir drin Aufruhr entsteht, manchmal ein kleiner Panikmodus: Die Atmung wird hektischer und bleibt weiter oben, die Bewegungen werden abgehackter. Ein Graus für die Balance, nicht nur weil der Körper da gerne „verreißt“. Alles in mir drin gerät jetzt aus dem Gleichgewicht.

Wie viel das ausmacht für die Balance, habe ich vor einigen Jahren mal im Max-Planck-Institut bei einer Versuchsreihe erfahren. Wer schon länger bei mir mitliest, kennt meine Erfahrung mit dem Stabilometer, einer hochempfindlichen Wippe, bei der es anfangs schier unmöglich ist, ins Gleichgewicht zu kommen.

Am allerersten Tag mit nur 10 Minuten komme ich nur einige Male mit Müh und Not kurz in ein wackliges Gleichgewicht, ansonsten krache ich mit Schmackes nach rechts und links. Und zwar auch, wenn ich „gar nichts“ gemacht habe. Das Gerät ist derart sensibel eingestellt, dass sogar kleinste innere Unausgewogenheiten sofort aus der Balance hauen.

Am nächsten Tag, wieder nur 10 Minuten, geht es bereits sehr viel besser und am dritten Tag stehe ich fast wie ein Einser! Das war eine tolle Erfahrung, an die ich die letzten Jahrzehnte immer wieder denken muss, und die mit verantwortlich dafür ist, dass ich mir das Einradfahren zutraue.

Damals hat mir der Versuchsleiter erklärt, dass der eigentliche Lernprozess zwischen den Einheiten passiert. Das Hirn verarbeitet die neue Situation und was von ihm gefordert ist.

Im normalen Alltag achte ich nicht sonderlich auf meinen inneren Zustand, ob ich ruhig oder in Aufruhr bin – außer es beeinträchtigt mich irgendwie. Beim Einradfahren bin ich total bei mir. Ich schaue, dass ich ruhig starte, ich merke, wenn innerlich die Unruhe aufkommt. Und ich bleibe oft einige Zeit auf dem Rad sitzen und bringe meine Atmung wieder in Ordnung, bevor ich weitermache.

Würde ich einfach drüber hinweggehen, wie viele von uns das im täglichen Leben oft machen, würde das Lernen sich viel unangenehmer anfühlen und ich würde mich total sabotieren! Denn mit innerer Unruhe, die zudem die Bewegungen negativ beeinflusst, geht Balance sehr viel mühseliger bis gar nicht.

… mit meiner Geduld und meiner Frustrationstoleranz

Einmal war ich bei einem neuen Arzt, der nach wenigen Minuten trocken meinte: „Ich sehe schon: Geduld ist Ihre große Stärke!“ 🙂

Durch das Hoopen habe ich gelernt, dass bei Bewegungsdingen die Fortschritte schon kommen – dass Hirn und Körper allerdings ihre Zeit brauchen. Nicht unbedingt viel Zeit, aber viel Gelegenheit für Wiederholungen. Die Dinge möglichst runterbrechen. Und selbst schwierige Bewegungen, bei denen ich denke „das lerne ich nie“ gehen irgendwann. Manchmal sehr viel später, als ich dachte. Manchmal sogar, obwohl ich sie zwischenzeitlich gar nicht gezielt geübt habe.

Beim Einrad ist die Lage verschärft. Denn klar kann ich mich anfangs an einer Mauer festhalten. Dennoch kann ich schlecht einzelne Dinge üben, das „Prinzip Einrad“ ist einfach eine komplexere Angelegenheit, die anfangs nicht gut geht.

Seit einigen Jahren achte ich automatisch auf die kleinsten Fortschritte. Früher habe ich, wie viele, nur auf das geschaut, was noch nicht ging. Sogar, wenn ich etwas schon ganz gut gemacht habe, gab es viele Dinge, die noch verbesserungswürdig waren.

Dadurch, dass ich selbst klitzekleine Fortschritte wahrnehme, kann ich ….

  • gezielter üben, was schon richtig ist und mein Hirn damit bestärken,
  • die Dinge korrigieren, die noch nicht so gut sind, ohne vorschnell frustriert zu werden
  • und ich bin motiviert, weil ich von mal zu mal was kann, was vorher noch nicht ging.

Meine Frustrationstoleranz in diesen Dingen ist durch zwei Jahre Hooping schon sehr hoch geworden. Das ist toll, denn dieses neue Eichen ist nur passiert, weil ich den Fokus auf das richte, was gut läuft – auch wenn es winzige Dinge sind.

Statt zu sehen, was nicht geht, sehe ich alles, was schon geht.

Das kann beim Hoopen lange Zeit bedeuten, dass ein Trick, den ich schaffen will, überhaupt nicht geht, aber ein kleiner Handgriff inmitten eines bestimmten Ablaufs schon viel besser ist. Und schon bin ich happy, obwohl mit Blick aufs Endergebnis immer noch „nix“ geht.

Dennoch ist es beim Einrad ein anderes Kaliber. Ich merke, dass ich mich stärker innerlich korrigieren und mir zureden muss, weil die Fortschritte sehr viel kleiner sind und manchmal Angst und Unruhe hochschwappen. Sprich: Die Lernumstände beim Einrad sind krasser und können unangenehmer sein, als mit einem Hula Hoop-Reifen im Wohnzimmer, wo alles sehr viel kontrollierter – und mit beiden Beinen stabil auf dem Boden – abläuft.

… mit meinem „Will ich“ und gleichzeitiger Überwindung

Da immer wieder mal die instinktive Angst hochkocht, ist es teilweise mit etwas Überwindung verbunden, wieder hochzusteigen. Sogar wenn gar nichts passiert ist und es gar nicht schlimm ist.

Das ist interessant, wenn innere Unruhe oder gar Angstgefühle im Körper sind. Der Kopf sagt: Alles gut! Alles unter Kontrolle! Ich mach das ja freiwillig und freue mich über die Fortschritte, die ich jetzt schon merke, auch wenn sie klein sind. Ich muss nur noch ein paar weitere Stunden machen, dann wird die Sicherheit größer!

Aber innerlich fühlt sich das völlig anders an.

Es ist interessant für mich zu merken, dass es mitunter so stark ist, dass es mich Überwindung kostet, weiterzumachen. Oder nach mehreren äußerst wackligen Versuchen zu sagen: Hey, jetzt machst du noch einen richtig ruhigen, guten Versuch bevor du aufhörst.

Klar gibt es im Alltag immer mal Dinge, wo man sich zu etwas überwinden muss: ein unangenehmes Telefongespräch oder etwas, das man nicht tun will. Doch das war bei mir zum Glück nie mit so einem starken inneren Gegengefühl verbunden. Zu großer Unruhe oder Angst lass ich es nie kommen, weil ich mir immer sage „Augen zu und durch“ und das Unangenehme gleich bei den Hörnern packe, bevor ich mich reinsteigere. Es hilft ja nichts.

Das Einradfahren fühlt sich für mich manchmal so an, wie wenn ich hier an eine körperlich und mentale spürbare Grenze stoße, wo es leicht wäre zu sagen: Okay, dann doch nicht. Kann ich nicht. Will ich nicht. Ist nichts für mich.

… mit meiner Zuversicht in mich – und den Prozess

Ich weiß jetzt, dass ich so gut wie alles lernen und meistern kann. Wenn ich bereit bin, in geeigneten Schritten und mit Regelmäßigkeit dranzubleiben. Denn Wiederholung ist gerade bei solchen Fähigkeiten der Schlüssel. Das Hirn muss dieser ungewohnten Situation, dem neuen Gerät, den fremden Bewegungen immer wieder ausgesetzt sein, damit es alles verarbeiten und sich anpassen kann.

Das ist ein Prozess. Ich weiß:

  • Wenn ich dranbleibe,
  • wenn ich aufmerksam übe,
  • wenn ich wahrnehme, was funktioniert und was zu welchen Konsequenzen führt, um mich gegebenenfalls zu korrigieren, dann werde ich besser.

Die durchschnittliche Dauer ist ein Anhaltspunkt. Vielleicht geht es bei mir schneller. Vielleicht brauche ich viel länger.

Doch ich weiß, dass irgendwann bald der magische Moment kommt, wo es auf einmal geht.

Darauf kann ich vertrauen. Und freu mich drauf!

 

PS

Nachdem ich den Text geschrieben habe, hatte ich meine sechste Trainingseinheit – und siehe da, es geht voran.