Muss das „muss“ sein?

Mit Anfang 20 bin ich zum ersten Mal über die Übung gestolpert, dass man das „muss“ durch „will“ ersetzen soll:

Ich muss will xy erledigen.
Ich muss will mich zusammenreißen.
Ich muss will disziplinierter sein.

Die Erklärungen liegen auf der Hand:

  • Freier Wille à la „ich muss gar nichts“, ich kann mich dafür entscheiden.
  • Eigene Verantwortung reinbringen: Wenn ich es nicht mache, trage ich die Konsequenzen.
  • Motivation erhöhen – immerhin „will“ ich es. Hurra!

Hört sich super an, allerdings sehe ich das mittlerweile sehr viel differenzierter:

Ja, „müssen“ muss man wirklich wenig

… zumindest, wenn wir die Dinge prinzipiell betrachten:

  • Ich muss meinen Müll nicht rausbringen, wenn er voll ist. Zwingt mich keiner dazu. Platz genug, das nur alle paar Monate zu machen, wäre.
  • Ich muss meinen Süßkramkonsum nicht regulieren. Ich kann jeden Tag so viel Schokolade essen, wie reingeht (und da geht viel rein!).
  • Ich muss meine Arbeit nicht strukturiert machen, sondern kann das nach Lust und Tagesform entscheiden.

Rollst du schon mit den Augen?

Und: Ist gerade das nicht ein Argument dafür, dass wir es tatsächlich wollen? Yep, theoretisch ist das vollkommen korrekt, da stimme ich absolut zu: Wir möchten etwas Bestimmtes erreichen – oder Konsequenzen vermeiden –, darum ist das „will“ gar nicht so falsch.

Aber:

Nur ein Wort auszutauschen, nimmt das Gefühl nicht mit

Ich hasse putzen. Immer schon!
Ich liebe eine saubere, aufgeräumte Wohnung.

Also könnte man sagen:

Ich muss will jetzt meine Wohnung putzen.

Fühlt sich das für mich richtig, glaubwürdig an? Schnalze ich jetzt motiviert die Gummihandschuhe dran?

Nö.

So rum wird ein Schuh draus:

Ich will eine saubere, aufgeräumte Wohnung, also muss ich jetzt putzen.

oder:

Wenn ich eine saubere, aufgeräumte Wohnung will, muss ich putzen.

Das wiederum ist total stimmig für mich. Ob die Variante „Ich will das!“ oder „Wenn ich es will …“ gerade passt, hängt von dem ab, worum es im Einzelfall geht.

Ich finde: Es gibt ein Muss im Leben!

Bestimmte Dinge im Leben muss man einfach tun, wenn man etwas vermeiden oder erreichen möchte. Vor allem, wenn ich mich persönlich verändern und entwickeln möchte.

Fast bei allem schwingen nämlich irgendwelche Dinge mit, die man – ganz persönlich – lieber nicht machen will. Meist ist es ein Teilaspekt, zum Beispiel:

  • Ich liebe es, Artikel zu veröffentlichen, aber das Einbauen der Artikel in WordPress werde ich nie mögen.
  • Ich mag Geld bekommen, aber Rechnungen schreiben finde ich ätzend.

Das finde ich gar nicht tragisch. Man muss das Muss nicht fürchten! Man muss nicht alles im Leben unbedingt wollen. Es ist total okay, Sachen einfach zu tun. Oder sie hinter sich zu bringen.

Klar ist das lange nicht alles, was es rund ums Muss zu sagen gibt. Klar gibt es vieles, das man mögen und sogar lieben lernen kann, doch darum geht es in diesem Artikel nicht.

Was zieht bei dir?

Langer Rede, kurzer Sinn: Für manche von euch wird es sich super anfühlen, das Wörtchen „muss“ zu vermeiden, es durchs „will“ oder „kann“ zu ersetzen.

Doch anderen wird es eher wie mir gehen: Mir bringt es nichts, etwas umzudeuteln, was ich partout nicht will. Im Gegenteil! Aber: Es bringt durchaus sehr viel, wenn ich mir darüber klar bin, was ich insgesamt erreichen will – oder welche Konsequenzen ich vermeiden will –, indem ich die Muss-Aufgabe hinter mich bringe.

Worte haben eine Wirkung. Damit meine ich auch, wie wir über etwas denken. Das Muss übt bei manchen enormen Druck aus, es kann widerwillig und sogar trotzig machen [Ich muss gar nichts! – Jetzt erst recht nicht.]. Nicht immer ist uns das als Ursache bewusst, wenn wir was vor uns herschieben oder uns mit etwas quälen.

Es ist eine hervorragende Idee, näher hinzuschauen, wenn ich meine, ich *muss* etwas. Kann ich es bleiben lassen? Fühlt es sich besser an, wenn ich umformuliere? Bringt es mir bei dieser speziellen Sache mehr, wenn ich das Muss in Kontext zu dem setze, was ich erreichen oder vermeiden will?

Das lässt sich sofort prüfen, weil das Gefühl sich meldet: Yep, fühlt sich viel besser an!

 

Ich finde: Motivationstipps wie der Austausch vom „muss“ zum „will“ sind eine nützliche Anregung, aber in der Motivation gibt es kein one size fits all.