„Mutiger werden“

So hieß der Kurs über mehrere Abende, den ich vor vielen Jahren in München durchführte. Er begann für mich außergewöhnlich.

Damals habe ich noch viele Präsenzseminare gehalten und zum Anfangsritual gehörte es, dass ich große Namensschilder austeilte – A 4-Karten, quer gefaltet – und dazu dicke Eddingstifte auf den Tischen verteilte. Immer, wenn jemand nach und nach eintrudelte, bat ich: „Schreib bitte deinen Namen vorne und hinten drauf, damit der Sitznachbar es auch lesen kann!“ Währenddessen baute ich meinen sonstigen Kram auf.

Im Kurs „Mutiger werden“ war es genauso und während ich so mit dem Rücken zu den ersten Teilnehmern rumkruschelte, beschrifteten die ihr Namensschild. Als ich mich umdrehe, sehe ich das:

Die erste Teilnehmerin hatte die dicken Stifte ignoriert und ihren dünnen Kugelschreiber genutzt, um ihren Namen pipiklein in eine Ecke zu pressen. Zwei weitere Leute hatten es ihr bereits nachgetan.

Ich bekam einen Lachanfall.

Welch perfektes Verhalten für unser Kursthema!

Über sich lachen können

Nachdem meine TeilnehmerInnen zunächst ein wenig irritiert waren, haben sie in mein Gelächter eingestimmt. Wir haben drüber geredet und dann direkt zu den dicken Stiften gegriffen.

Da wusste ich schon: Der Kurs wird gut. Denn wenn man herzlich miteinander über sich lachen kann, ist das immer die halbe Miete. Gerade beim Mut schwingt ja immer Sorge oder gar Angst mit. Was, wenn ich mich blamiere? Was, wenn ich einen Fehler mache? Was, wenn ich es gar nicht kann?  …

Mit Lachen gehen die Dinge leichter. Darum war die erste Aufgabe, sich auf dem Angsthasometer einzuschätzen. Schon waren wir mitten in einer eifrigen Diskussion, wie das mit dem Mut überhaupt ist, und dass es drauf ankommt, worum es geht und was einem selbst schwerer fällt. Dass wir alle im Alltag durchaus mutig sind, selbst wenn wir uns pauschal bescheinigen, keinen rechten Mut zu haben. Was dem einen das Herz bis zum Hals schlagen lässt, darüber denkt ein anderer gar nicht groß nach. Wir sind halt nicht alle gleich gestrickt. Doch die inneren Hürden und Ängste, die ähneln sich dann doch, und da kam es immer wieder zu einem kollektiven Aufatmen: „Euch geht es auch so? Ich dachte, nur ich …“

Kleine Hausaufgaben

Mutiger wird man nicht durch Theorie, sondern durchs Tun. Darum hatte ich den Kurs auf mehrere Abende angelegt: Es ging darum, im Alltag wirklich kleine Dinge zu tun. Ich erinnere mich an den Mittdreißiger, der sich nicht getraut hat, Frauen anzusprechen.

Also haben wir seine kleine Mutaufgabe modifiziert: „Frag in der kommenden Woche immer wieder mal eine Frau etwas total Alltägliches: Ob diese U-Bahn zum Marienplatz fährt, wie viel Uhr es ist, o. Ä.“ Nicht mehr. Frag keine Frauen, die dir besonders gut gefallen. Versuch nicht zu flirten. Sprich einfach jeden Tag mindestens eine fremde Frau mit so etwas Belanglosem an.

Eine Teilnehmerin war dabei, die sich von ihrer Arbeitskollegin immer alles aufdrücken ließ. Sie wollte mutiger werden, Nein zu sagen. Ihre Aufgabe war, es in der kommenden Woche zunächst einfach mal für sich zu merken, wann sie „Ja“ sagt, obwohl sie „Nein“ sagen will. Und nach außen, dass sie einige wenige Male zumindest mal sagt, dass sie gerade nicht kann oder es sich überlegen wird. Das war aber kein Muss!

Wenn uns etwas total schwer fällt, ist der Mut anfangs wie ein scheues Reh. Darum muss man ihm behutsam begegnen.

Am zweiten Abend haben die Leute dann stolz berichtet, was sie getan haben. Eine Anekdote ist mir besonders im Kopf geblieben:

Es war Februar in München und es hatte viel geschneit. Ein älterer Mann erzählte, dass er morgens auf dem Arbeitsweg so zwanzig Meter vor sich gesehen hat, wie jemand den Gehsteig vor seinem Haus freischaufelte. „Normalerweise“, so mein Teilnehmer, „hätte ich jetzt schnell die Straßenseite gewechselt, damit ich nicht mit dem Mann zusammentreffe. Jetzt habe ich erstmal meinen Schuh gebunden, um ein wenig Mut zu sammeln. Dann bin ich geradewegs auf ihn zu und habe mich bedankt, dass er den Schnee wegräumt.“ Mein Teilnehmer strahlte: „Der hat sich richtig gefreut!

Toll! Daran werde ich mich immer erinnern: So eine kleine Begegnung, die beiden gutgetan hat … aber zuvor unbedingt vermieden werden musste. Das zeigt, wie alleine die Aufmerksamkeit uns die Gelegenheit bietet, etwas anders zu tun als sonst. Unabhängig davon, ob wir dem dann auch nachgehen. Wir merken es schon mal!

Zu viel von sich fordern

Im Kurs musste ich meine Leute ständig zurückpfeifen: Vor lauter Entschlossenheit, mutiger zu werden, gehen gerne mal die Gäule mit uns durch. Wir verlangen ein wenig zu viel von uns. Dann ist es wie mit jeder anderen Fähigkeit – die Latte erscheint zu hoch, oder wir können uns sogar schaden.

Einer meiner Teilnehmer sagte mir, er möchte sich trauen, ins Schwimmbad zu gehen. Dann rückte er mit der Sprache raus: Er hatte eine mehrfache Organtransplantation hinter sich und soll nun das erste Jahr nicht schwimmen wegen eines hohen Infektionsrisikos. Er ist immer gerne geschwommen und wollte es wieder tun, aber weil man ihn gewarnt hat, hat er sich bisher nicht getraut.

„Ja“, sage ich, „das hat aber nichts mit Mut zu tun, sondern es ist schlau, diese paar Monate noch drauf zu verzichten. Hier wäre es ja nicht mutig, sondern schön blöd.“

Das klingt krass, doch wir gewinnen, wenn wir ehrlich zu uns sind. Das mit dem sich schaden, wenn man zu schnell zu viel von sich verlangt, ist natürlich meistens nicht so buchstäblich, wie im Beispiel eben. Und doch:

Fordern wir zu viel auf einmal von uns, überfordern wir uns eben schnell. Dann ziehen wir doch wieder den Schwanz ein (verständlicherweise), wir beißen uns tatsächlich die Zähne dran aus oder holen uns – in der eigenen Wahrnehmung – eine blutige Nase, wenn wir nicht so gut mit der Sache zurechtgekommen sind. Oder es sich innerlich nicht gut angefühlt hat.

Im Englischen sagt man „set yourself up for success“, also schaff dir die Umstände, dass du erfolgreich sein kannst. Darum plädiere ich für die berühmten kleinen Schritte. Jeder von uns hat Gelegenheiten, wo wir uns wünschen, mutiger zu sein. Sogar die mutigste Person, die du kennst, ist nicht zu 100 % in allem frei von Schiss und Kniezittern.

Manchmal ist es einfach die Tagesform oder eine Lebensphase, in der wir zurückgezogener oder selbstzweifelnder sind. Darum – gerade bei so Mut-Themen: Immer langsam mit den jungen Pferden! Kleine Schritte machen. Und wo es dir möglich ist, mit dir über dich schmunzeln können.