Sinn und Unsinn von Ausreden

Sie sind schnell gefunden. Sie tarnen sich. Und wenn man nicht aufpasst, gewöhnt man sie sich an. Dann können sie zum Treibsand werden … der einen langsam, aber sicher bei jeder geringsten Bewegung weiter einsacken lässt.

Warum überhaupt Ausreden?

Vorwand statt Klartext

Ich habe keine Lust.
Wir wollen etwas nicht, geben aber vor, dass wir nicht können. Dann muss ein anderer Termin, Kopfweh oder eine andere Person herhalten. Diese Ausreden sind mitunter uns selbst besonders wichtig – entweder damit wir uns erlauben, etwas nicht zu tun. Das geht so weit, dass man sich beim Vorgeben einer Krankheit vielleicht sogar kränklich fühlt und auf die Couch legt, obwohl eigentlich alles okay ist. Sogar wenn es um etwas für uns selbst geht, kann es sein, dass wir einen Vorwand brauchen, weil ein „mag nicht (mehr)“ nicht legitim scheint.
Ich befürchte, dass der wahre Grund nicht anerkannt wird.
Das ist durchaus berechtigt, gerade wenn man jemandem was abschlägt oder im Umfeld wer von der „Das kannst du doch nicht machen“-Fraktion ist. Ein einfaches JA oder NEIN ist übrigens immer genug, wir neigen nur manchmal zum Begründen … oder besser rechtfertigen. Wenn zu befürchten steht, dass der eigentliche Grund diskutiert, widerlegt oder kleingeredet wird, ist eine Ausrede mit weniger Nerven verbunden.
Ich möchte nicht enttäuschen.
Sind andere involviert, die uns wichtig sind oder von denen wir wissen, dass sie unsere Unterstützung oder Gesellschaft gut brauchen können, möchten wir den anderen nicht im Regen stehen lassen oder gar verletzen. Doch jeder hat natürlich sein eigenes Leben und Bedürfnisse, und ganz unabhängig von der Sache, um die es geht, ist ein Vorwand oftmals besser zu verknuspern. Auch vor uns selbst.
Ich brauche Harmonie.
Es gibt Menschen, die sich generell extrem schwer damit tun, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen oder/und klare Grenzen zu ziehen, wenn andere etwas von ihnen wollen. Hier geht’s dann oft ebenfalls gar nicht vorrangig um die Sache, sondern darum, dass wir gefühlsmäßig alles in ruhigem Gewässer halten wollen. Denn es wäre total schlimm, wenn jemand uns etwas übel nähme, uns vielleicht sogar nicht mehr mag oder es zu Streit kommt. Natürlich spielt hier das innere Dramatisieren mit rein: Die Befürchtungen, wie der andere reagieren könnte, blühen – und so gut wie immer natürlich negativ: Die Sache mit den Konsequenzen 

Prokrastinieren statt priorisieren

Ich bin mir des Stellenwertes nicht klar.
Ich glaube, die wenigsten Dinge schieben wir „einfach so“ vor uns her. So gut wie immer haben wir einen Grund. Damit meine ich nicht das, was wir zugeben (wie die Steuer, die so viele schieben, dass es salonfähiges Smalltalkthema ist und keiner Ausrede gebraucht). Ich meine die vielen Dinge, die wir im Alltag gern wie Kaugummi ziehen oder gar nicht erst anpacken – aber MIT GRUND. Ich hatte keine Zeit. Ich war krank. Dies und das ging vor. In der Regel haben wir alle enorm viel auf unserem Zettel. Sind die Prioritäten klar, brauchts weniger Ausreden.
Ich fühle mich etwas nicht gewachsen.
Bei schwierigen Aufgaben – oder Neuland – gibt es zwei Tendenzen: Entweder komplett von sich weisen, weil man zu xy dafür ist. Oder aber es „eigentlich“ vor- oder schon angefangen zu haben, aber die nächsten Schritte werden mit Ausreden hinausgezögert. Es muss erneut gar nicht immer um die Sache gehen, oft ist es das eigene Bild oder schwächelndes Selbstvertrauen, das man noch in sich hat. Und häufig ist dieses Bild von sich selbst in Wirklichkeit eine Ausrede, was man so natürlich nicht sieht, weil es für einen selbst wie eine Tatsache wirkt.
Ich will Zeit gewinnen.
Ausreden sind auch ein exzellentes Mittel, um den Anfang zu verzögern: Ich bin schon entschlossen, das zu tun – oder weiter-/fertigzumachen, aber … (in Wirklichkeit habe ich vielleicht Angst vor der eigenen Courage). Es gibt aber noch einen wahnsinnig triftigen weiteren Grund: Man möchte tatsächlich etwas anpacken oder durchziehen, ist jedoch durch alle möglichen anderen aktuellen Sachen zugeballert oder hat schlichtweg nicht die Energie für diese eine Sache. Wenn wir nicht aufpassen, finden wir immer wirklich exzellente Gründe, warum „es“ gerade nicht geht. Obwohl es gar nicht darum geht, dass es nicht geht.
Ich will es gar nicht (mehr) tun.
Die Sache ist gerade nicht aktuell oder überholt und sollte lieber geparkt/gelöscht werden, aber weil man es sich mal vorgenommen hatte – eventuell sogar bei anderen vollmundig rausposaunt hat – müssen Ausreden herhalten.

Brauche ich die Ausrede wirklich?

Es wird total schön deutlich, dass es hier immer um die eigenen Bedürfnisse geht. Um sie wahrzunehmen und vor sich – und anderen – vertreten zu können. Mit „Vertreten“ meine ich übrigens gar nicht, dass es unbedingt eine Begründung dafür geben muss.

Ein Ja oder Nein ist eine klare Ansage, die absolut reicht. Und die man wunderbar freundlich aussprechen kann – ohne irgendwelche Ausreden oder gar Rechtfertigungen. Im Gegenteil: Ich lasse oft die Begründung weg, damit keine weiteren Diskussionen entstehen.

Ich finde: Ausreden werden immer zum Leben gehören. Aber wir sollten sie nicht einfach leichtfertig für uns nutzen. Vor allem aber sollten wir nicht denken, dass wir Vorwände brauchen. Viel wichtiger ist es, die eigenen Bedürfnisse zu ergründen. Danach kann ich mich immer noch entscheiden, was ich im aktuellen Fall damit tun will.

Darum:

Die halbe Miete ist es schon, für sich selbst wahrzunehmen, dass es sich um eine Ausrede handelt. Dann kann man sich immer noch entscheiden, ob man sie nutzen will – oder eben doch nicht.

  • Ist es eine Ausrede? – Mir selbst klipp und klar zu „sagen“, ob es ein Vorwand ist.
  • Was sage ich gerade + was vermeide ich zu sagen/zu tun?
  • Warum brauche ich die Ausrede? Warum sage ich nicht ehrlich, was ich meine oder tue, worums geht?

Wie gesagt: Es geht nicht darum, sofort irgendwas zu verändern. Der erste Schritt passiert still und heimlich mit einem selbst. Ob und was ich anders machen will, ist ein anderes Paar Stiefel. Aber erst mal muss ich mich kennen, wenn ich selbstbestimmt handeln will … oder mich managen. 😉

Schauen wir uns zwei Beispiele an. Wichtig: Nicht emotional total vom Leder ziehen, also keine Vorwürfe, Beschimpfungen oder Unterstellungen einfließen lassen, sondern möglichst sachlich kurz auf den Punkt bringen, worum es geht:

Beispiel 1:

Die Bedienung fragt „Wars recht?“ Der Gast sagt mit Blick auf den halb vollen Teller: „Es war zu viel.“

Ist es eine Ausrede?
Ja.

Was vermeide ich zu sagen/zu tun?
Es hat mir nicht geschmeckt: Das Fleisch war total zäh mit Knorpeln. Ich vermeide es zu sagen, dass es offensichtlich minderwertiges Fleisch ist, dass ich enttäuscht bin und eigentlich einen Preisnachlass erwarte.

Warum brauche ich die Ausrede? Warum sage ich nicht ehrlich, was ich meine oder tue, worums geht?

  • Die Bedienung kann ja nichts dafür, darum will ich es nicht an ihr „auslassen“.
  • Ich befürchte, dass es eine unschöne, öffentliche Diskussion gibt, eventuell noch der Koch oder der Chef dazukommt.

Beispiel 2:

Die Schwiegertochter möchte hin und wieder Zeit für sich und will daher am Samstag der Oma ihre zwei Kinder für einige Stunden bringen. Die sagt: „Da gehts leider nicht. Ich habe einer Kollegin versprochen, beim Umzug zu helfen. Das dauert den ganzen Tag.“

Ist es eine Ausrede?
Ja. 

Was vermeide ich zu sagen/zu tun?
Ich mag meine Enkel wirklich gerne, aber ich will kein wöchentlicher Babysitterdienst für meine Schwiegertochter sein. Darum versuche ich so oft es geht, mir den Samstag vollzuplanen oder tue so, damit es eben oft nicht „geht“.

Warum brauch ich die Ausrede? Warum sage ich nicht ehrlich, was ich meine oder tue, worums geht?

  • Weil ich keinen Streit in der Familie will, am Ende stehe ich noch als „böse Schwiegermutter“ da.
  • Weil ich befürchte, dass sie mir vorhält, dass ich die Kinder nicht sehen will.
  • Weil ich verinnerlicht habe, dass man eigentlich immer für seine Familie da sein soll und ich mir ein wenig egoistisch vorkomme, dass ich meinen Kindern nicht noch mehr abnehme.

Ertapp dich bei Ausreden!

Es ist wirklich ein äußerst wertvolles Trainingsprogramm, sich zur Gewohnheit zu machen, sich bei Ausreden zu ertappen. Selbst, wenn du erstmal sonst gar nichts anders machst. Du wirst sehen, …

… dass du viel öfter und konkreter wahrnimmst, wie es dir geht – und worum es dir geht.

… dass sich bei den Antworten zu einer bestimmten Sache möglicherweise ein unterliegender Grund herauskristallisiert: Dass du beispielsweise merkst, dass du bei einer bestimmten Person oder einem bestimmten Verhalten eher zu Ausreden neigst. Oder dass du feststellst, dass du dir selbst eine bestimmte Art von Bedürfnis nicht gestattest – oder einfach eine tiefsitzende Überzeugung „gegenhält“.

… dass du nur durchs Bemerken innerlich immer stärker das Gefühl bekommst, dass deine tatsächlichen Gründe und dein Gefühl ihre Berechtigung haben.

… dass du mit der Zeit immer öfter automatisch sagst, was wirklich Sache ist – angefangen bei Kleinigkeiten.

 

Das Ende der Ausreden
Dieses Buch von Brigitte Roser hat den schönen Untertitel „Was alles möglich wird, wenn wir nur wollen.“ Es ist schon über zehn Jahre her, dass ich es gelesen habe, aber ich weiß noch sehr gut, dass ich es super fand. Selbst auf die Gefahr hin, dass mein Gegenwarts-Ich das anders sieht, empfehle ich es. bei amazon reinschauen