Stabil, aber flexibel

Mit Rückgrat lebt es sich leichter, vor allen Dingen eigenwilliger. Und mehr Eindruck macht man außerdem. Doch wie immer ist es komplexer. Denn ein starkes Rückgrat muss biegsam sein.

Rückgrat heißt für mich:

  • Ich bilde mir eine Meinung.
  • Ich trete für sie ein [und damit für mich bzw. andere].

Das „Bilden“ ist zentral.

Jetzt ist das Gegenteil vom Rückgrat die Rückgratlosigkeit beziehungsweise das Fähnchen im Wind, doch so will es gar nicht verstanden wissen. Denn dem eigenen Rückgrat zu vertrauen – sogar bei Befürchtungen oder tatsächlichem Gegenwind – das ist nicht für jeden einfach.

Nehmen wir unsere echte Wirbelsäule:

  • Sie hält uns aufrecht, idealerweiser in gesunder Haltung.
  • Sie sorgt für Beweglichkeit. Wir können uns beugen, strecken, zur Seite neigen, drehen.
  • Sie schützt, etwa indem sie Kraft absorbieren kann, die auf uns wirkt.
  • Sie verbindet.

Wir müssen uns dennoch um unsere Wirbelsäule kümmern, sie kann und will trainiert werden. Genauso wie unser Verhaltensrückgrat.

Was für unser echtes Rückgrat schlecht ist, ist genauso nachteilig für unser Verhaltensrückgrat:
  • Einseitigkeit
  • Starrheit
  • schonen
  • Überbelastung
  • ständiges Verbiegen

Bänder und Muskeln spielen eine wichtige Rolle. Unser Verhaltensrückgrat existiert ebenfalls in einem bestimmten Rahmen, und es lohnt sich, mal differenziert hinzusehen, wie es mit deinem Rückgrat im Alltag steht.

Tendierst du dazu, es eher zu schonen?
Hier spielt das Umfeld – oder bestimmte Gegenüber – oft enorm mit rein. So kann es sein, dass du im Freundeskreis wunderbar zu dir und deinen Ansichten stehst, aber dich beruflich, wo Chef und Kollegen total dominant auftreten, zurücknimmst, dir auf die Zunge beißt oder sogar manchmal merkst, dass du nach außen einknickst, obwohl du anderer Meinung bist.

Bist du bei manchen Themen starr und unnachgiebig?
Ich glaube, jeder hat irgendwo bestimmte Themen, wo man einfach fester von etwas überzeugt ist – und sich nicht so schnell reinreden lässt, vielleicht sogar merkt, dass man Argumente abblockt. Das Spannende: Manchmal ist einem das gar nicht so sehr bewusst, weil wir gerade diese Meinungen oft derart verinnerlicht haben, dass wir sie gar nicht infrage stellen. Das bedeutet aber leider gleichzeitig, dass da innerlich ein Rolladen runtergeht. Wir schotten nicht nur weitere Informationen ab, die unseren eigenen Horizont erweitern, sondern werten andere Ansichten [und damit die Menschen, die diese Ansichten haben] ab. Das sind kurioserweise oft eigentlich harmlose Themen, die uns halt alle stark betreffen, etwa Ernährungs- oder Gesundheitsthemen. 

Oder hälst du dich im Angesicht einer Mehrheit bedeckt?
…, etwa wenn im Freundeskreis alle anderen eine bestimmte Ansicht vertreten und du nicht als Einzige/r dagegenreden willst. Hier gibt es übrigens interessante Versuche. Zum Beispiel hat man Gruppen verschiedene Linien gezeigt und alle sollten sagen, welche die kürzere ist. Tatsächlich war nur eine Versuchsperson echt, die anderen waren Schauspieler. Die waren instruiert, darauf zu beharren, dass die längere Linie kürzer ist. In diesem Szenario haben die Versuchspersonen sich fast immer angeschlossen, obwohl eindeutig erkennbar war, welche Linie kürzer war. Bereits wenn eine andere Person auf die tatsächlich kürzere Linie deutete, sind Versuchspersonen bei ihrer gegenteiligen Meinung geblieben.

Das sind jetzt Beispiele zu Lebensbereichen. Das Rückgrat hat aber natürlich irre viel mit einem selbst zu tun – und mit dem, was man bisher so erfahren hat.

  • Hat deine Meinung nie was gegolten, gabs vielleicht sogar Ärger bei „Widerworten“, fällt es dir vielleicht nach wie vor schwer, deine Haltung zu vertreten (sogar wenn du sie innerlich mehr als deutlich gebildet hast).
  • Oder dir gefallen bestimmte Bemerkungen gegenüber einer Personengruppe nicht, die etwa ein Kunde oder dein Partner andauernd beiläufig fallen lässt, doch du beißt dir auf die Zunge, obwohl du das nicht gut findest. Es könnte ja sein, dass die Beziehung leidet oder es gar zu Streit kommt.

Es geht nicht darum, ständig überall einzugreifen

… aber ich finde es total wichtig, sich des eigenen Rückgrats bewusst zu sein – und eben auch zu merken:

  • Wo habe ich mir eine Meinung gebildet? Die durchaus abzuklopfen, um zu sehen, ob sie noch für mich passt oder ob mir vielleicht Input fehlt.
  • Trete ich wirklich dann für sie – mich und andere – ein , wenn ich das eigentlich möchte. Oder hält mich was zurück?

Es wahrzunehmen bringt enorme Stärke, weil jeder von uns bereits viel hat und tut, aber dennoch gerne auf vermeintliche Defizite schielt.

Andererseits braucht das Rückgrat kontinuierliches Kümmern, damit wir gesund, aufrecht und beweglich bleiben. Das wiederum macht uns integer. Wer zu sich steht und eine klare Haltung hat, verdient sich Respekt – sogar von Menschen, die anderer Ansicht sind. Vor allem aber von sich selbst.