Tagesform

Ich habe eine Bekannte, die richtig wütend wird, wenn sie an einem Tag nicht so leistungsfähig ist, wie sonst. Das bezieht sich auf alles:

  • Wenn die Dinge nicht so mühelos laufen, wie „normal“.
  • Wenn sie eigentlich mehr schafft (oder sich heute mehr vorgenommen hatte).
  • Wenn sie beim Spazierengehen öfter stehenbleiben muss, als gestern.

Natürlich ist das durchaus menschlich. Die Enttäuschung, wenn das, was sonst viel müheloser klappt, auf einmal zäh ist. Die Tage, wo man abends noch lauter unerledigtes Zeug dastehen hat, das eigentlich gemacht gehört hätte. Oder eine uncharakteristische Müdigkeit, obwohl „man heute gar nicht so viel zu tun hatte“.

Der Mensch ist kein Roboter

Mir fallen eben die extremen Selbstoptimierer ein, die vom Aufsteh-Ritual über Uhrzeiten, mental und physisch die vorteilhafteste Ausgangslage schaffen. Ich ziehe das übrigens gar nicht durch den Kakao! So lange es einem gut tut, man sich damit wohlfühlt und tatsächlich gefühlt optimale Bedingungen hergestellt sind, finde ich das ganz wunderbar. Im Zusammenhang mit der Tagesform fällt es mir jedoch ein, weil damit oft ein Druck aufgebaut wird.

Tatsache ist, dass wir Menschen keine Maschinen sind. Wir unterliegen Schwankungen, teilweise sind die richtig groß, denn die Tagesform wird von so viel beeinflusst: Wie gut haben wir geschlafen, was haben wir um die Ohren, wie ordnen wir die Dinge für uns ein, wie stark fühlen wir uns in Kontrolle, was halten wir mental gerade aus, wie geht es uns körperlich, an was müssen wir gerade alles gleichzeitig denken, tun oder uns verkneifen, …? Ich zähle nur ein paar plakative Faktoren auf, die die Tagesform beeinflussen. Eigentlich wissen wir das alle nur zu gut. Und doch gestehen sich viele die schwankende Tagesform nicht zu.

Zur Konsequenz gehört Verständnis

Dranzubleiben, Dinge geregelt zu bekommen und leistungsfähig zu sein, geht nur mit Konsequenz. Doch die wird gerne mal zu einseitig betrachtet: Konsequent zu sein, das bedeutet eben keineswegs, ständig nur zu machen, zu tun und zu schaffen.

Um wirklich konsequent sein zu können, muss ich in der Lage sein, mir Verständnis entgegenzubringen. Mir bei ungünstiger Tagesform, die zutiefst menschlich ist, nicht noch was auf die Mütze zu geben. Mal abgesehen davon, dass die Tagesform ja auch immer mal nach oben ausschlägt und uns Zeiten beschert, wo wir mords was erledigt bekommen, viel mehr als wir gedacht hatten. Tage, an denen wir über uns hinauswachsen, weil wir extra zuversichtlich sind, super kreativ oder besonders mutig etwas angepackt haben.

Ja, es ist eine gute Idee, nachzuforschen, wenn etwas klemmt. Manchmal lässt sich das Gefühl, dass „heute nicht mein Tag ist“ nämlich durchaus lösen – indem ich mich frage, was ich gerade brauche. Dazu kommt, dass manchmal ein lasches oder überforderndes Gefühl gar nicht die Tagesform ist, sondern eine anstehende Aufgabe, die einen bedrückt oder überfordert.

Genau darum plädiere ich dafür, dir mit Verständnis entgegenzutreten. Was brauchst du gerade, damit es dir besser geht? – Und wenn es sich nicht mit einem quick fix beseitigen lässt, wie es manchmal durch etwas Banales wie ein Päuschen, etwas essen oder ein Erfolgserlebnis funktioniert, dann sei nett mit dir! Keine runterziehenden Vergleiche, wie schwach/schlecht/lausig du dich heute anstellst. Und kein Peitschen oder Zwingen. Sondern sei nett mit dir. Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

Manchmal geht man durch eine Phase – wenn sehr viele Verpflichtungen oder externe Belastungen auf uns einstürmen. Dann ist es mal nicht die Tages-, sondern eine Wochen- oder manchmal sogar Monatsform, die uns anders als sonst fühlen und ticken lässt. Auch da gilt: Sei verständnisvoll und frag dich vor allem: Was brauche ich? Was kann ich für mich tun, damit … [ich mich besser fühle, resilienter werde, meine Kraft sinnvoll einteilen kann für das, was absolute Priorität hat, …]?

„Kümmer dich um dich!“ ist das wichtigste Gebot, das am weitesten bringt.