Über sich lachen können

Ich erlebe diesen Moment, als ob er eben erst passiert wäre. Dabei ist er 33 Jahre her:

Mein damaliger Lebensgefährte und sein Sohn lachen sich kaputt, während ich vergeblich mit den Regalbrettern kämpfe. Ich war noch nie sonderlich gut darin, Möbel zusammenzubauen, aber jetzt fällt mir ständig an einem Ende was um, während ich am anderen eben mit Müh und Not geschafft habe, etwas zusammenzustecken. Zack! Rausgerutscht und auseinandergekracht. Dass die zwei sich amüsieren, macht mich nur noch wütender und meine Bewegungen ruppiger. Kurz: Es geht gar nichts mehr. Ihr Gelächter schwillt an und mein Zorn richtete sich jetzt auch noch gegen die beiden. Der Abend ist gelaufen.

Dabei war es witzig! Ein chaplineskes Unterfangen. Nur konnte ich damals den Witz nicht erkennen, weil ich mich spiralförmig tiefer und tiefer in meinem Zorn verfangen hatte.

Mit der Zeit habe ich gelernt, mein stellenweises Unvermögen oder meine situative Dummheit in all ihrer gloriosen Situationskomik wertzuschätzen und herzlich darüber zu lachen. Sogar bei Gelegenheiten, bei denen einem rein sachlich betrachtet so gar nicht zum Lachen ist, lohnt es sich, Aspekte wahrzunehmen, die trotz allem witzig sind.

„Mach dich locker!“

Lachen nimmt Druck raus – es macht buchstäblich locker. Und das ist eine sehr wertvolle Fähigkeit für alles, was wir tun. Unter anderem, wenn wir etwas lernen.

Der Lernprozess ist genau das: ein Prozess. Wer jetzt mit der Einstellung rangeht, dass die Dinge sofort klappen müssen, wird sehr schnell frustriert sein. Wenn dann noch die destruktiven Gefühle reinkicken (wie Ungeduld, Wut, Selbstzweifel, Resignation), wirkt sich das  natürlich mental und körperlich aus. Dann geht erst recht nichts mehr.

Gelingt es dir, über Fehlversuche zu lachen,

  • bleibt der Kopf frei,
  • die Motivation hoch
  • und du kannst aus Fehlversuchen gezielt lernen, welche Anteile schon ganz gut klappen, selbst wenn es unterm Strich noch nicht läuft. Vor allen Dingen aber, warum etwas noch nicht gut (genug) gegangen ist.

Nur ein klarer Kopf kann analysieren und hat Lust, etwas wieder und wieder zu machen. Dabei ist völlig egal, worum es sich handelt. Ob du eine Sprache, ein Instrument, eine Sportart lernst oder ob es Skills sind, die du für deine Selbstständigkeit brauchst, etwa die Akquise, das Reden vor anderen oder das Schreiben. Über dich selbst lachen können, ermöglicht es dir, länger – und lieber – dranzubleiben.

Eine frühere Kollegin hat bei einem Kunden angerufen, der ein „von“ im Nachnamen hatte, nennen wir ihn „von Mauersberg“. Er ging nicht ran, darum hat sie ihm eine Nachricht hinterlassen und dabei dummerweise ein wenig vertan. Damit du die Szene so richtig nachvollziehen kannst, schlüpfe ich in ihre Rolle. Ich rufe also an und sage nach dem Piep: „Hallo, Herr Mauersberger, hier spricht Gitte von Härter.“

Natürlich war es ihr mordspeinlich. Jetzt hilft aber ein Im-Boden-versinken so ganz und gar nicht. Zu beschließen, nie mehr einen Kunden anzurufen, zumindest nicht mehr auf Band zu sprechen, wäre nicht sonderlich zweckmäßig. Zumal so ein Vermeidungsverhalten erst recht schadet: Wenn wir etwas vermeiden, weil wir es fürchten, validieren wir unsere Besorgnis und Angst. Aus einem harmlosen Versprecher würde ein Riesenproblem, dem man aus dem Weg gehen muss.

Kann ich hingegen herzlich drüber lachen, wird es zu einer lustigen Anekdote. Es verliert seinen Schrecken.

Und wenn dir gar nicht danach ist?

Es wird höchstwahrscheinlich Rahmenbedingungen geben, die es einem schwerer machen, zu lachen. Manchmal macht uns die Tagesform einen Strich durch die Rechnung. Das Gute ist, dass hier das „so tun als ob“ durchaus funktioniert. Gerade, wenn du bisher – wie ich beim Regalbau – in eine Emotionsspirale gerätst, kann das So-tun-als-ob dein System resetten. Es ist hier also tatsächlich egal, ob du innerlich wirklich schon bereit bist, über dich/die Situation zu lachen. Und: Je öfter du die angespannten Emotionen brichst, desto mehr echte Lockerheit stellt sich ein. Es reicht also zu Beginn die Bereitschaft.

Nicht hilfreich ist Sarkasmus, also bösartiges Lachen oder ein Sich-selbst-verspotten, das dürfte klar sein!

Erwünscht ist wohlwollende Selbstironie und das Suchen nach den kleinen lustigen Details, die man der Sache oder dem eigenen Verhalten abgewinnen kann.

Der Rest ist Wiederholung. Freu dich, wenn es dir gelingt, ein bisschen über dich zu schmunzeln! Auch wenn du in der Situation vielleicht stinkesauer warst und dich erst im Rückblick ein wenig darüber amüsieren kannst.

Erst mal nur für dich!

Das allerbeste Trainingsfeld: Ganz für sich einfach mal anfangen. Ganz ohne Druck. Nur mit dir alleine üben.

Vielleicht hast du „Dauerbrenner-Blödheiten“, wo dir dasselbe Missgeschick immer wieder passiert. Mir fallen da gleich mehrere ein: Dass ich Gläser oft bis zum Rand auffülle, obwohl ich weiß, dass das nicht gut geht – und dann natürlich was verschütte. Dass ich wirklich jedes Mal, wenn ich den Backofen aufmache, sofort meinen Kopf in den heißen Dampf stecke. Dass ich verlässlich ein bestimmtes Fremdwort verwechsle. Vielleicht fragst du in Läden oder auf der Straße aus Prinzip niemandem, wo etwas zu finden ist und irrst dann ewig im Kreis herum. Oder du findest ständig deine Brille oder deinen Schlüssel nicht, besonders dann, wenn du es eilig hast. Oder, oder, oder. Derlei Situationen, die du nur zu gut kennst, und über du dich bislang eher ärgerst, sind ein perfektes Lernfeld, wo du ganz für dich üben kannst, drüber zu lachen.

Das geht natürlich genauso im beruflichen Alltag. Eine meiner ersten E-Mails an einen Verlag, bei dem ich ein Buch vorschlagen wollte, habe ich schnell umgeschrieben, bevor ich auf SENDEN geklickt habe. Nur um sofort danach zu merken, dass ich mit „Viele Danke“ unterzeichnet habe.

Oder das Angebot an einen Kunden, das ich mit „Sehr geehrter Maier“ losgeschickt habe.

Wann immer dir etwas peinlich ist oder du dich über einen Fehler, Verhaspler, ein Fettnäpfchen ärgerst oder am liebsten ganz tief im Boden versinken möchtest: Guck beim nächsten Mal näher hin, ob du irgendetwas daran findest, was durchaus ganz witzig ist. Ich meine nicht, dass du es Umdeuten oder positiv sehen müsstest. Ein Fehler kann zum In-den-Hintern-beißen-sein oder dir den Kopf hochrot anlaufen lassen. Gleichzeitig können Aspekte davon ganz witzig sein. Die gilt es zu erkennen. Denn das haut dir eine befreiende Handbremse in die Peinlichkeits- und Wutspiralen.

Es ist übrigens für andere ebenfalls eine schöne Sache, wenn man humorvoll mit kleinen Missgeschicken umgehen und herzlich über sich lachen kann. Das wird sehr geschätzt, denn es ist (und macht) souverän. Vor allen Dingen erlaubst du Umstehenden, herzlich mit dir zu lachen. Das ist besonders wichtig, wenn es wirklich ein größeres Fettnäpfchen ist, bei dem Beobachter nicht recht wissen, wie sie reagieren sollen. Wenn ich als Betroffene das Eis brechen kann, ist alles gar nicht mehr so tragisch. Außerdem ist man ein wunderbares Vorbild darin, Peinlichkeiten locker zu nehmen.

Ich habe vor einigen Jahren übrigens ein Blamierenbuch geschrieben, das im GABAL erschienen ist. Das gibt praktische Hilfestellungen, wie wir souverän mit den vielfältigen Peinlichkeiten umgehen können. Peinlich, peinlich … So blamieren Sie sich selbstbewusst (Gabal Verlag)