„Use it or lose it!“

Was wir nicht anwenden, geht manchmal tatsächlich direkt verloren. Man vergisst Vokabeln, Akkorde, wie was am Computer ging, … und wenn es dann drauf ankäme, rollt ein Heuballen durchs Gehirn.

Viel öfter aber verkümmern die Fähigkeiten, und das ist in einigen Fällen problematischer, als es scheint:

„Immer wenn ich die Fähigkeit brauche, stopsel ich herum.“ Wer als Kind etwas gelernt hat, z. B. Roll- oder Schlittschuhfahren, kommt als Erwachsener meist schnell wieder rein. Doch jeder, der das mal probiert hat, weiß, wie unsicher man auf den Beinen ist (mal abgesehen davon, dass die Unbeschwertheit von früher fehlt). Diese Unsicherheit ist ein ganz gutes Beispiel für sämtliche Fähigkeiten.

Was wir nicht gewohnt sind, vermeiden wir gerne. Was wir nur hin und wieder nutzen, bleibt in diesem Rumstopsel-Level stecken. Das konserviert Unsicherheit, kostet Zeit – und oft genug Nerven. Wir sind vor allem sehr viel langsamer und fehleranfälliger, als wenn etwas flutscht.

„Ich kann nie richtig reinkommen, geschweige denn Routine entwickeln.“ Was wir regelmäßig tun, darin werden wir besser. Das Hirn weiß, was wir von ihm verlangen. Durch die Wiederholung werden wir versiert. Dazu fällt mir ein banales Beispiel ein: Einkuvertieren.

Als junge Erwachsene arbeitete ich in einer kleinen Firma. Wir verschickten regelmäßig große Mailings, da saßen wir dann um einen Tisch und haben gefaltet. Ich war eine der schnellsten Falterinnen. Wenn ich schon einen riesigen Stapel fertig hatte, saßen Kollegen oft mit der Zunge im Mundwinkel da und probierten an jedem Brief mehrfach, damit das Adressfeld wirklich im Fenster landete. Es ging hier nicht um „eine arbeitet schneller als die anderen“, es ging schlicht darum, dass ich in meinem Berufsleben – auch schon in der Firma davor – ständig gefaltet habe. Die viele Übung hat mich sicher und geschmeidig gemacht. So ist das mit jeder Fähigkeit.

Was wir oft machen, geht uns leicht von der Hand, wir können uns und das, was wir tun, differenzierter einschätzen und, wo es nötig ist, gezielt verbessern.

Das kleine 1 x 1

Gerade war ich einige Tage krank. Ich konnte nichts lesen, nur schlapp im Bett rumliegen. Aus dem Blauen heraus habe ich mich ans Einmaleins erinnert. In der Grundschule haben wir das täglich geübt und „Rechenkönig“-Turniere gespielt. Da saß das wie nichts. Seitdem habe ich es nie mehr geübt, sondern im Alltag halt mal punktuell abgerufen.

Jetzt habe ich mir in Gedanken das gesamte kleine Einmaleins vorgesagt. Krieg ich es noch zusammen? Klar! Dafür haben die unzähligen Wiederholungen seinerzeit gesorgt, das ins Hirn einzubrennen … doch halt, so richtig sitzen tut es nicht mehr. Bei einigen Zahlen muss ich richtig überlegen, und zwar gar nicht immer wegen des Ergebnisses, sondern weil ich merke, dass ich im Alltag eine bestimmte Reihenfolge nutze: Ich nehme standardmäßig die Zahl, die ich multiplizieren will, zuerst [9 x 3 = 27]. Darum stolpert mein Hirn bei den ersten Durchgängen manchmal, wenn ich jetzt das Muster umdrehe: 1 x 9 =, 2 x 9 =, 3 x 9 =. Ich fange also an, mehrere aufeinanderfolgende Tage mehrmals das Einmaleins vorzusagen. Als das sitzt, mache ich verschiedene Muster quer durch die Zahlen und merke: Klasse, das geht schnell, das wieder aus dem Archiv in die aktive Fähigkeit zu hieven.

Probiers mal! Also keine einzelnen Rechnungen, die gehen meist flott. Sondern das alte Grundschulmuster – möglichst flüssig.

Das 1 x 1 ist jetzt natürlich ein beliebiges Beispiel. Vielleicht fällt dir eine Fähigkeit ein, die früher total gesessen hat, weil du sie regelmäßig gebraucht hast, jetzt aber schon viele Jahre nicht mehr. Schau mal, wie du nach dieser langen Pause aktuell abschneidest und wie es sich anfühlt.

Wiederholung ist Trumpf

Manche Fähigkeiten sitzen fürs Leben. So kann es sein, dass du beim 1 x 1 gerufen hast „Pah! Easy!“ – Doch schau dann noch mal hin, ob du diese Fähigkeit nicht doch beruflich brauchst oder in deinem Alltag nebenbei doch ständig übst. Meine Freundin, die Buchhaltungen macht, würde sich totlachen über die Aufgabe. Doch auch wer routinemäßig beim Einkaufen ständig im Kopf mitrechnet, im Restaurant noch mal grad überschlägt oder mit der Familie dauernd Kniffel oder etwas spielt, wo Punkte zusammengerechnet werden, ist sich oft gar nicht dessen bewusst, dass da eine Fähigkeit fleißig genutzt – und damit trainiert – wird.

Was wir anwenden, wird mit jeder Wiederholung flüssiger, müheloser. Wir geben uns die Chance, besser zu werden.

Was wir nicht (genug) anwenden, das stockt, fällt schwerer, ist fehleranfälliger – und macht weniger Spaß. Meist dauert es zudem länger.

Nehmen wir die Akquise als Beispiel. Die lassen viele Selbstständige gerne schleifen. Akquise kann vieles sein, u. a.

  • Du willst eingeschlafene Kunden mit einem Brief aufwecken.
  • Du hast ein Mailing an Auftraggeber in Unternehmen geschickt und willst nachtelefonieren.
  • Du schreibst Artikel für dein Business, um Marketing dafür zu machen.

Bei jedem dieser drei Beispiele hast du genügend Fähigkeiten, die dir nützen. Selbst, wenn du keines dieser Dinge explizit bisher getan hast. Sagen wir, jemand schreibt zum allerersten Mal einen Brief, einen Artikel oder will zum Telefon greifen. Da ist jemand total blank, weiß nicht wirklich, wie es geht und vielleicht zittern sogar ein wenig die Knie.

Dennoch gibts natürlich zugrunde liegende Fähigkeiten und Erfahrungen, die dabei nützen: Du hast vielleicht noch nicht „so eine Art“ von Brief geschrieben oder noch keinen Artikel, aber du kennst die Kunden, dein Fach/dein Anliegen und kannst prinzipiell schreiben. E-Mails u. a. schreibst du auch dauernd. Gleiches mit dem Telefon. Ich will die Beispiele gar nicht vertiefen, weil du weißt, worauf ich hinaus will.

Jetzt wirst du dir für das, was du aktuell zum ersten Mal tust, neue Fähigkeiten draufschaffen. Durch Versuch und Irrtum. Oder indem du dir einen Dienstleister dazu holst, ein Seminar besuchst, ein  Buch kaufst, im Internet nach Tipps suchst, damit du gezeigt bekommst, worauf es ankommt.

Das erste Mal wird das mühevoller sein, es kostet mehr Zeit, vielleicht wird es eine schwere Geburt – und das alles fühlt sich zunächst meist nicht so supergut an. Doch jetzt kommt es drauf an, das, was du jetzt zum ersten Mal gemacht hast, wieder zu tun. Use it or lose it. Je weniger eine neue Fähigkeit eingeübt ist, desto weniger kann sie sich entwickeln – und die ganze Arbeit, die du bis hierhin reingesteckt hast, wäre für die Katz.

Bleibst du aber dran und telefonierst nicht nur fünf Leuten nach, und das wars dann wieder, sondern jeden Tag zwei und das für die nächsten vier Wochen, dann lernst du ein Bündel neuer Fähigkeiten. Durch die Wiederholung wirst du sicherer, durch die Sicherheit telefonierst du besser und kannst abgleichen mit dem, was du vorher gemacht hast. Du wirst merken, dass du dich anders fühlst. Du erlebst anhand der Reaktionen der Gesprächspartner, was besser sein könnte und kannst es direkt testen, …

Gleiches mit dem Schreiben. Ich hatte in den letzten zehn Jahren einige Kundinnen und Kunden, die zwar regelmäßig zu mir in Workshops kamen – aber sehr große Pausen dazwischen hatten. Nicht nur zwischen Workshops, sondern generell zwischen dem Schreiben. Da kam dann der Frust auf: „Mann, ich hab das doch schon mal bei dir gelernt, wieso tue ich mich wieder so schwer damit?!“

Weil du es nicht angewendet hast.

Es geht nicht um „viel und ständig“

  • Weder geht es darum, sich den Druck zu machen, alles was man so an Fähigkeiten verbessern oder frisch lernen möchte, gleichzeitig irgendwie ständig anzuwenden.
  • Noch geht es darum, etwas, in dem man richtig gut werden will, übermäßig viel üben zu müssen. (Im Gegenteil: Wenig, aber kontinuierlich, ist viel hilfreicher!)

Es geht mir um das Bewusstsein, dass Fähigkeiten, die du dir erwerben willst oder die wichtig für dich sind, Kontinuität brauchen. Darum ist es besonders nützlich, sich Übungsfelder im Alltag zu suchen.

Ein Beispiel:

Wer sehr nervös ist, vor anderen zu reden, braucht jetzt nicht ständig Vorträge zu halten, die total unter Stress setzen, sondern kann sich hier und jetzt vornehmen: Ich melde mich in kleinen Gruppen aktiver zu Wort, als ich es bisher tue. Also da, wo ich normalerweise abwarten oder den Mund halten würde, packe ich, wo sie sich mir bietet, die Gelegenheit beim Schopf:

  • In der Schlange an der Supermarktkasse bin ich die Person, die von hinten laut darum bittet, eine zweite Kasse zu öffnen.
  • In der Diskussion mit Freunden, was wir unternehmen könnten, bringe ich gleich am Anfang auch mal was vor oder äußere Bedenken, wenn ich was nicht so gut finde und begründe es.
  • Im Zoom-Meeting vom Verein werde ich mindestens fünf Mal was sagen, eine Idee oder Zustimmung oder Ergänzung. Wurscht was! Hauptsache, es ist eine Situation mit ein paar mehr Menschen, die du sonst ungenutzt verstreichen hättest lassen. Das ist das „use it“, das eine hervorragende Vorstufe ist, wenn dir das Herz bis zum Hals klopft, sobald du vor anderen sprichst.

Und ja: Es fällt dir sicher leichter, das vor bekannten Leuten und vor einer kleinen Gruppe zu tun. Genau das ist der Sinn. Erst mal Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung. Die berühmten kleinen Schritte, die in dem Fall das, was du für die Fähigkeit brauchst, anwenden. Das schafft Versiertheit, Selbstverständlichkeit und so wirst du automatisch langsam steigern können. Bei jeder Fähigkeit.