Vom Hätte zum Habe

Dass es verständlich ist, mit einer Entscheidung zu hadern: Eh klar. Dass es mit einem hohen Preis verbunden ist, leider auch.

Doch wie wäre es, bei solchen Hätte-Hader-Themen mal genauer draufzuschauen, was du tatsächlich gemacht hast?

Über das Tun (oder Lassen) hinaus

Das Hadern an sich bringt nichts. Dabei geht es um – wie man so schön sagt – Wasser, das bereits unter der Brücke durchgelaufen ist. Das „Hätte ich nur“ flippert hin und her zwischen dem, was war, und dem, was man bereut.

Viel hilfreicher ist es doch, neugierig hinzusehen, was uns dazu bewogen hat, so und nicht anders zu handeln.

Das, was ich hier gerade sage, ist natürlich stark vereinfacht. Schauen wir zurück auf etwas, haben wir – gerade wenn mehr Zeit vergangen ist – eine völlig anderer Sachlage: Wir haben uns entwickelt, sind beispielsweise selbstbewusster. Oder die Lebensumstände haben sich verändert, sind hoffentlich stabiler geworden oder momentan unsicherer. Auch die Menschen um uns herum beeinflussen, wie wir uns und anderes sehen. Wie und ob wir handeln.

Warum habe ich das so gemacht?

Der Dreh- und Angelpunkt ist das Ich. Mal ganz unabhängig davon, ob wir etwas bereuen oder nachträglich anders sehen: Wir haben es so entschieden. Auch das Tun durch Unterlassen war die Entscheidung dafür, den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Ob es uns rückblickend gefällt oder nicht: Wir waren selbstwirksam! Sogar wenn uns irgendwelche anderen Menschen oder Umstände aus heutiger Sicht negativ beeinflusst haben, war die Entscheidung für oder gegen eine Sache, etwas, das wir selbst getan haben. Wie wir uns seinerzeit verhalten haben, geht auf unsere Kappe.

Dafür gab es immer Gründe. Was also waren diese Gründe?

Schauen wir uns ein paar Beispiele für Entscheidungen an:

Person A ist jahrzehntelang in einer Großbank beschäftigt, seit Jahren ist sie unzufrieden und will sich selbstständig machen. Sie hat einen Businessplan ausgearbeitet, sie kennt sich mit der wirtschaftlichen Seite bestens aus, sie weiß, dass sie fachlich genau das Richtige ausgesucht hat und glaubt an ihre Geschäftsidee. Und doch hat sie nie ernsthaft den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt: „Ich weiß, dass es fern jeder Logik ist, aber der riesige Safe unter meinem Büro gibt mir totale Sicherheit. Ich weiß, dass das natürlich nicht mein Geld ist. Ich habe Angst, dass ich, wenn ich kündige, unter der Brücke lande.“

Person B hätte nach dem Studium mit einer Freundin ein Auslandsjahr machen wollen: Vor dem Berufsleben ausgiebig die Welt kennenlernen. Sie hat es ausgeschlagen, aus Angst, den Anschluss zu verlieren – und weil sie sich nicht zugestanden hat, so lange nichts zu tun: „Am Ende wird mir das als Lücke im Lebenslauf oder gar Faulheit vorgehalten.“

Person C hätte gerne nach der Familienpause wieder im erlernten Beruf gearbeitet, hat aber dann doch das Büro in der Firma ihres Mannes übernommen. „Die Kinder waren da zwar schon größer, aber ich wollte präsent sein. Da war es einfacher in der eigenen Firma, da konnte ich jederzeit später anfangen oder zwischendurch mal weg, wenn es nötig war. Die Kinder konnten immer anrufen oder vorbeikommen.“

Person D hat sich den Traum vom eigenen Kleiderladen erfüllt: „Ich war schon einige Jahre als Aushilfe in dem Laden tätig. So richtig gut gelaufen ist der nie. Aber es war ein nettes Geschäft und als meine Chefin aufgeben wollte, bot sich mir die Chance, ihn zu übernehmen. Ich wusste, worauf ich mich einlasse, aber ich war so happy, dass ich endlich meinen eigenen Laden habe.“

Das sind einige wenige, stark vereinfachte Aspekte. Natürlich spielt da mehr rein. Keiner davon wird diese Entscheidung auf die leichte Schulter genommen haben. Gleichzeitig sind es Beispiele für Weichen: Alles, was uns persönlich und beruflich auf ein bestimmtes Gleis stellt, hat eben weitreichendere Auswirkungen.

Wenn ich mir was zu essen bestelle und meine Wahl bereue, kann ich auch einige Zeit damit hadern. Aber dann ist es wieder vorbei. Hat eine bestimmte Entscheidung größere Auswirkungen oder haben wir eine solche Entscheidung als die Weiche schlechthin auserkoren, an der wir eine ungute Entwicklung festmachen, kann einen das ganz schön lange verfolgen. So kann es sein, dass ich eine horrormäßige Scheidung hinter mir habe und der Traum vom Familienleben zerplatzt ist. Jetzt, wo ich vor den Trümmern stehe, verfluche ich vielleicht eine bestimmte berufliche Entscheidung, die dazu geführt hat, dass ich meinen Partner überhaupt kennengelernt habe.

Oder ich hacke auf mir herum, weil ich damals etwas nicht tun wollte, mich aber nicht getraut habe, Nein zu sagen. Oder etwas aus Trotz gemacht habe.

Dieses Hätte-Hätte-Fahrradkette ist genau das, was uns im Hadern hält.

Was wäre, wenn du dir zugestehst: Die Gründe, die mich seinerzeit zum Tun oder Unterlassen geführt haben, sind legitim.

Verstehen und Verständnis aufbringen

Vielleicht schätzt du die damaligen Gründe mit dem Heute-Blick anders ein. Vielleicht würdest du gerne mit einer Zeitmaschine zurückreisen, um deinem Vergangenheits-Ich ein wenig Mut (oder einen Arschtritt) zu geben.

Ich finde, es ist angesagt, dass wir zu uns stehen. Wir haben – ob letzte Woche, vor einem Jahr oder vor zwei Jahrzehnten -, irgendetwas Bedeutendes in unserem Leben gemacht. Oder nicht gemacht. Das hatte seine Gründe.

Ja, ich kann das nachträglich als Fehler für mich werten und daraus lernen. Ich könnte jedoch  auch Verständnis aufbringen für die Gründe, die mein früheres Ich hatte. Freundlich zu mir sein, mir den Rücken stärken, verstehen was war – anstatt mir wieder und wieder alte Vorwürfe aufs Butterbrot zu schmieren.