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Vom „könnte“ zum „kann“ braucht es eine Zeit

Seit einigen Jahren lerne ich viele Dinge neu, die mit Bewegung zu tun haben. Darunter sind immer wieder Sachen, von denen ich mein ganzes Leben lang überzeugt war: Das könnte ich nie!

Zwei Aspekte sind für mich besonders bedeutend:

  • fangen
  • Balance

Beides konnte ich wirklich noch nie. Im Fangen war ich schon als Kind eine Pfeife, was daran liegt, dass ich eine seltsame Augensituation habe und dadurch einen auf mich zukommenden Ball einfach nicht richtig „platzieren“ kann. Kam also etwa beim Federballspielen der Ball nicht wirklich von oben direkt auf mich zu, sondern seitlich, dann schlug ich schon mal einen halben Meter daneben!

Das mit der Balance war als Kind durchaus da, aber sowas verdrängt man ja als Erwachsener mitunter, und die ganzen Balancegeschichten im Fitnessstudio fand ich furchtbar. Was daran liegt, dass ich ein sehr ungeduldiger Mensch bin. So ein Yoga-Baum oder eine Standwaage machen mich einfach aggressiv.

Nun ist es so, dass wir meistens die Dinge, die wir nicht können, erst gar nicht üben. Weil wir innerlich überzeugt davon sind, dass wir es eh nicht meistern. Oder weil das, wo man sich recht anstellt, keine rechte Freude ist – sondern ganz schön frustrierend sein kann. Dazu kommen mangelnde oder zu kleine Fortschritte und schon lässt man es bleiben. Ich wusste doch, dass ich das nie könnte!

Es braucht ein wenig Ausdauer

So hyper ich darüber bin, dass ich in den letzten zweieinhalb Jahren irre viel gelernt habe, das mir wirklich unvorstellbar erschien, so sehr ärgere ich mich ein wenig darüber, dass ich erst kurz vor meinem 50. Geburtstag damit angefangen habe. Da hätte ich so viel früher schon so viel mehr machen können – und wäre entsprechend so viel weiter.

Das Allerwichtigste, was ich jetzt gelernt habe: Ich darf nicht nur mal kurz was ausprobieren, sondern muss eine gewisse Zeit wirklich intensiver dranbleiben. Es braucht bei den meisten Dingen einfach eine bestimmte Zeit, bis das „ich kann (es können lernen)“ überhaupt möglich ist, bis es vor allem Spaß macht.

Übrigens bedeutet „eine bestimmte Zeit“ gar nicht mal, dass es ein längerer Zeitraum ist. Ich bin beispielsweise eine große Verfechterin von lieber wenig und dafür öfter. So zeigen sich schon nach wenigen Trainingseinheiten deutliche Erfolge. Das allerschlimmste ist es, was zu tun, dann lange nichts. Oder sich von Anfang an zu übernehmen.

Das KÖNNEN prägt eine gewisse Leichtigkeit

Eben gerade keine Anstrengung. Zu Beginn haben wir das nicht: Am Anfang müssen wir uns total konzentrieren, koordinieren, den Körper und/oder Geist erst an das gewöhnen, was er grad ganz neu ausprobiert. Darum wenden wir am Anfang zu viel Kraft auf, was sich nicht locker anfühlt und das Könnenlernen erschwert.

Mit etwas Zeit lockert sich das automatisch. Dann fühlt es sich ganz anders an. Dann geht plötzlich, was vorher noch nicht ging. Dann werden Fortschritte spürbar. Lasset das motivierte Dranbleiben beginnen!

Fast nichts, das komplett neu ist, kann man aus dem Stand

Und doch haben die meisten von uns diesen Anspruch. Jemand, der noch nie geschrieben hat, jammert im allerersten Workshop „Ich kann das nicht, es gelingt mir nicht, so zu schreiben wie du“. Oder in der Tanzstunde: „Bei dir – der Trainerin – sieht es so leicht aus, aber ich habe einfach zwei linke Füße!“

Ich hab das jahrelang genauso gemacht. Und dabei das Könnenkönnen verhindert.

PS: Schon beim Ausprobieren einer neuen Fähigkeiten, braucht es ein wenig mehr Zeit. Wurscht, ob es was mit Bewegung ist oder ein Computerprogramm, das öffentliche Reden, ein Musikinstrument oder eine Sprache. Denn um zu sehen, ob etwas Spaß macht, muss die erste verwirrende und schwierige Phase durchstanden sein. Erst danach kann man einschätzen, wie es einem gefällt.