Warum ich gerne draußen übe

Ob Hooping, Einrad, Longboard, … ich übe gerne draußen. Klar: Manche Dinge lassen sich in der Wohnung nicht oder nur unzureichend üben. Doch ich möchte heute den Fokus aufs „gerne“ legen.

Anfangs war es für mich durchaus eine Überwindung, rauszugehen. Da schauen ja alle!

Natürlich hat es für mich selbst vielfältige Vorteile, allem voran mehr Luft, Licht und Bewegung. Da ich im Grunde meines Herzens eine Stubenhockerin bin, ist das für mich ein dicker Bonus.

Mir gefallen folgende Aspekte aber noch viel mehr:

Andere – vor allem Kinder – lernen etwas Neues kennen

Es gibt viele Dinge da draußen in der Welt, mit denen man nie in Berührung kommt.

Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich plötzlich ein für mich völlig fremdes Universum entdecke: Das, ich nenn es mal modernere Hula Hoop beispielsweise hatte ich gar nicht auf dem Schirm, weil man es im Alltag praktisch nie sieht … außer als Vorstellung irgendwo. Dass es sowas wie „Hoopdance“ oder „Zirkushooping“ und alle möglichen Varianten gibt, wusste ich nicht. Dabei gibt es weltweit ewig viele Leute, die es machen, eine eigene Industrie, endlos viele Tutorials im Netz, Workshops, Hoop-Retreats, und und und. Aber: Man sieht es erst, wenn man aktiv danach sucht.

Wenn ich draußen übe, sehen mich andere, wenn sie zur Schule gehen, im Büro sitzen, auf dem Spielplatz sind, ihren Hund ausführen – und denken vielleicht: Oh! Spannend! Das will ich probieren! Oder sie erzählen anderen davon.

Besonders kleinere Kinder trauen sich dann oft näher her. Mädchen und Jungs. Manche fragen, ob sie mal probieren dürfen (akzeptieren aber sofort, wenn ich sage, dass ich ja jetzt üben möchte), oder jauchzen, weil sie es so hübsch finden. Hin und wieder fragen sie, ob es schwierig ist, es zu lernen und wo man so Reifen bekommt.

Es zeigt, dass aller Anfang schwer ist

Als blutiger Anfänger traut man sich oft nicht raus, weil man es nicht kann oder sich sogar „blöd anstellt“. Ich hatte diese Skrupel beim allerersten Mal, als ich mit meinem großen, glitzernden Reifen rausging, auch! Weil ich neben ein bisschen Hoopen am Bauch noch gar nichts konnte.

Aus Platzgründen und weil einem der Reifen anfangs doch oft auskommt, lässt sich vieles draußen besser üben. Und weil ich einige Jahre Bootcamp im Englischen Garten gemacht habe und es schon kannte, dass Leute schauen, wenn man draußen rumhüpft oder Kniebeugen macht, bin ich trotzdem raus.

Gerade das ist wichtig: Wenn nur die draußen üben, die schon alles beherrschen, dann ist das für manche Menschen eine tolle Performance oder sogar ein Anreiz („Das will ich mal genauso gut können!“). Doch für die meisten ist es nicht anregend, sondern fällt unter „Das könnte ich nie!“

Schlimmstenfalls ist es eine Bestätigung, dass sie als AnfängerIn bloß nicht zum Üben rausgehen sollten, weil sie sich vielleicht sogar blamieren könnten. Das ist besonders schade, wenn es um eine Sportart geht, wo man bestimmte Bedingungen braucht – etwa einen Skatepark mit ein paar Wellen, und dann nie den Mut aufbringt, dorthin zu gehen.

Sieht man immer nur die Könner, ist es außerdem leicht, zu denken, dass es auf Talent ankommt: Entweder man kann was – oder man kann es halt nicht.

Wenn mir jemand beim Einradfahren zugeschaut hat, dann hat er gesehen, dass ich mich anfangs mit beiden Händen wie eine Ertrinkende an der Mauer festgeklammert und wirklich fast entlanggezogen habe. Jetzt, wo ich einige Meter fahren kann, trainiere ich immer auf einem betonierten Fußballplatz. Direkt daneben ist ein richtiger Fußballverein, wo ständig Trainings und Spiele sind. Die Kinder allen Alters, die mitbekommen, wie ich übe, sehen mich eine Stunde lang aufsitzen, nach paar Umdrehungen „runterfallen“, zurückschieben, aufsteigen, nach ein paar Umdrehungen runterfahren, zurückschieben, … und sie sehen zudem: Oha, da fällt man ja gar nicht wild hin, sondern landet auf den Beinen, wenn man Einrad übt.

Dranbleiben lohnt sich!

… sie sehen aber auch, dass ich besser werde. Dass ich zwischendurch mal ein paar Meter weiter komme. Dass ich hin und wieder laut „Yes!“ rufe, wenn mir was geglückt ist. Und da oft die gleichen Leute den gleichen Platz frequentieren, bekommen sie meine Fortschritte mit. Sie sehen: Jetzt kommt sie manchmal schon 20 Meter weit, vor zwei Wochen waren es nur 3 bis 5!

Gleiches beim Hoopen: Mein Stammplatz zum Üben ist auf einer kleinen Wiese vor einem Bürogebäude. Die Leute, die mich von ihrem Fenster aus sehen, und die, die Rauchpausen machen, bekommen noch viel mehr mit. Wenn sie mich von Anfang an immer mal gesehen haben, sind die Fortschritte riesig: Erst mit dem großen Dancehoop simples Kreisen oder Um-den-Körper-schwingen und dann mit immer anderen Reifengrößen und anderer Anzahl immer souveräner, kompliziertere Bewegungen.

Dennoch bleibt es auch als Fortgeschrittene immer ungelenk, weil ich draußen immer Neues übe und keine Performance mache, um zu zeigen, wie super ich schon geworden bin. Da das Lernen von Wiederholungen geprägt ist, sieht man mich nonstop was verpatzen, dem Reifen nachlaufen, zigmal bücken oder mir den Hoop sogar ins Gesicht hauen. 🙂

Ich kann zeigen, dass der Lernprozess Spaß macht

Vielleicht bist du, wie ich früher: Wenn was nicht gleich geklappt hat, habe ich entweder aufgegeben, weil ich dachte „Mei, das ist dann halt nichts für mich!“ oder ich war frustriert. Ich hatte nie eine besonders große Geduld und wurde schon mal grantig, wenn was partout nicht ging.

Besonders durch das Hoopen habe ich gelernt, darauf zu achten, dass immer irgendwas besser geht, als zuvor. Immer! Das habe ich nur früher nie beachtet, sondern nur auf das geschielt, was noch nicht ging und was noch nicht perfekt war.

Die Aufmerksamkeit auf das, was klappt, selbst wenn es nur Kleinigkeiten sind, hat mein ganzes Lernvergnügen verändert! Mich wirst du draußen nicht mehr sehen, dass ich fluche oder grantig abbreche. Ich lache, wenn ich zum x-ten Mal den Reifen an mir vorbei werfe. Ich kann den Kopf drüber schütteln, wenn ich schon wieder daneben greife.

Vor allem aber sieht jemand, der herschaut, wenn ich gerade hinfalle oder mir wehtue, dass ich aufstehe und weitermache. Zum Glück passiert in 99 % der Fälle nichts außer einiger blauer Flecken. Aber das gehört halt zum Lernen dazu, wenn es mit Bewegung zusammenhängt, dass man sich schon mal weh tut. Dass man beim Kopfstand umfällt oder es einem das Skateboard unterm Arsch wegzieht. Oder dass ich mir mit Schmackes den Hoop gegen die Nase knalle. Auch das ist Teil des Lernprozesses – und zu sehen „Die steht halt auf und macht weiter“, ist eine weitere wichtige Botschaft. Unter anderem, weil es zeigt: Es ist okay, sich in der Öffentlichkeit auf den Popo zu setzen. Kein Mensch macht sich lustig!

Es ermutigt, sich selbst rauszutrauen

Wir leben in schönen Zeiten: Mittlerweile ist es – zumindest in Städten – normal geworden, dass immer mehr Leute draußen üben. Wer in München durch den Englischen Garten spaziert, sieht Yogagruppen, Boxtrainings und sogar asiatische Kampfkünste mit Schwertern.

Doch gerade diejenigen, die einzeln üben, machen meistens außergewöhnlichere Dinge, slacklinen sieht man bei uns mittlerweile total oft. Skate- und Longboarder gibt’s natürlich viele, obwohl ich persönlich noch keinen Anfänger draußen im Vorbeigehen üben gesehen habe.

Zwei Mal habe ich bisher in München mit einem Hula Hoop gesehen draußen, und das waren welche, die es schon konnten. Auf dem Einrad bin ich noch niemandem begegnet.

Ich finde es klasse, wenn sich gerade Anfänger mehr raustrauen, wenn sie sehen: Andere üben draußen, obwohl sie es noch nicht besonders gut können.

Schauen andere? Vielleicht. Wer etwas Bekanntes übt, wird nicht sonderlich beachtet. Kürzlich war ich auf dem Fußballplatz beim Einradüben und auf der anderen Hälfte hat ein Teenager Elfmeterschießen geübt. Er hat über eine Stunde wieder und wieder nur aufs Tor geschossen, Ball geholt, aufs Tor geschossen – einfach nur für sich seine Fähigkeiten verbessert. Oder wenn ich auf dem Longboard einfach immer nur 30 Meter hin- und herrolle. Das beachtet niemand, da laufen die Spaziergänger einfach vorbei.

Aber klar: Sobald du etwas machst, das man nicht so oft sieht, schauen die Leute her. Weil es was Neues ist. Weil sie fasziniert sind. Meistens sagen sie nichts, aber manchmal jubeln sie oder klatschen sogar Applaus. 🙂

Traut euch raus! Genießt den Platz, optimale Übungsbedingungen, Licht + Luft.

Es inspiriert. Euch und andere.