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Wenn ein Wort dazwischenfunkt

Vor einigen Jahren habe ich eine E-Mail von Birgit bekommen, einer Leserin meines Buches Peinlich, peinlich. Sie hat sich darüber Luft gemacht, dass ich – wie viele andere – von „Komfortzone“ spreche, wo es doch mitunter das genaue Gegenteil ist.

Wir alle wissen zwar, was gemeint ist …

Wir Menschen fühlen uns bei allem, was wir kennen und bereits gemacht haben, sicher. Sobald wir aus diesem Bekannten raus sollen, wollen oder müssen, fühlt sich das ungut an. Je nachdem, worum es geht und wie es uns damit geht, …

  • stellt es uns auf die Probe, bringt uns an eine gefühlte oder tatsächliche Grenze,
  • verunsichert oder ängstigt es uns,
  • ist es mit Umständen oder Anstrengungen verbunden, die möglicherweise andere Personen oder Bereiche mitbetreffen.

Das ist, um beim Wortsinn zu bleiben, alles andere als komfortabel. Die Aufforderung „Bleib nicht immer im Gewohnten, Bekannten“ meint „Mach die Komfortzone größer, entwickle dich, trau dich raus, erweitere deinen Wissens-, Können-, Handlungsspielraum, damit du mehr für dich tun + erreichen kannst, damit du daran wächst.“

Birgit hat mich zu Recht darauf hingewiesen, dass der Begriff „Komfortzone“ ein Schlag ins Gesicht sein kann: Wenn ich beispielsweise eine miese Kindheit hatte oder Leute um mich herum, die mich kleingemacht haben, mich entmutigen, mir das Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten genommen haben. Oder es aktuell noch tun. Wenn ich generell oder in bestimmter Hinsicht bisher so gar keine Zuversicht habe oder das Herauswagen aus dieser angeblichen Komfortzone wahnsinnig angstbesetzt ist. Schon das gedankliche In-Erwägung-ziehen, etwas zu verändern, ist unter diesen Vorzeichen natürlich sehr viel belastender.

In diesem Zusammenhang möchte ich den Fokus auf ein Detail richten, das einen davon abhalten kann,

  • etwas überhaupt anzugehen
  • und beim Dranbleiben gehörig reinfunken kann:

Das benutzte Wort.

Warum manchmal ein Wort das Ziel verhagelt

Wörter haben eine Wirkung. Diese Wirkung ist ganz individuell.

Ein Beispiel: NETT

Ein nettes Wesen ist für mich durch und durch positiv. Ich bin lieber mit netten Menschen zusammen als mit Ärschen. Ich freue mich, wenn jemand zu mir nett ist – gerade dann, wenn es um ein schwieriges Thema geht oder wir über etwas streiten. Ich finde nette Frauen und Männer super – und sehr viel attraktiver als unnette.

Das liegt allerdings an meiner Interpretation davon: Für mich ist NETT ein Mix von Zugewandtheit, Freundlichkeit, Empathie, Lockerheit. Etwas das eine Bindung schafft, das Miteinander erfreulicher macht und sich für das Gegenüber gut anfühlt.

Für andere ist „nett die kleine Schwester von Scheiße“. Denn ich kann das Wort natürlich genauso als Schwäche interpretieren: Wer nett ist, ist der Depp. Wer nett ist, wird ausgenutzt oder lässt sich überfahren. Wer nett ist, den nimmt man nicht ernst. Nettigkeit ist schwach und daher unattraktiv.

Das gleiche Wort kann völlig unterschiedliche Definitionen und Gefühle auslösen. Während ich es absolut erstrebenswert finde, nett(er) zu anderen zu sein, ist es für jemand anderen genau das Gegenteil: Bloß nicht nett!

Ich hab noch ein Beispiel für euch, das mir vor zwanzig Jahren die Augen geöffnet hat, welche Bedeutung ein Wort dabei haben kann, wie gut man sich einlassen kann. Damals habe ich einen mehrwöchigen Online-Selbstmarketingkurs gemacht. Jede Woche gab es ein spezielles Thema und aktuell war „Lob“ dran, unter anderem was man an sich selbst gut findet, wertschätzt, als positiv erkennt … und: Worauf man stolz ist.

„Stolz“ war für die einen gar kein Problem, doch für andere war es absolut zwiespältig oder gar unmöglich. Klar, manchen fiel es schwer, etwas zu finden, das sie besonders hervorheben wollten. Das, was uns leicht fällt, weil wir so sind oder viel Erfahrung haben, ist für uns nichts Besonderes. Doch für einige war die ganze Übung aus einem ganz anderen Grund schwierig: Sie haben STOLZ als etwas Negatives gewertet.

Ein ungünstiges Wort kann vielfältig reinfunken

Bemerkst du eine innere Sperre, weil dir was gar nicht erstrebenswert – oder gar ein Gräuel – ist, dann schau näher hin, ob es sich anders anfühlt, wenn du ein Wort auswechselst oder das Ziel etwas anders umschreibst.

Da vieles davon unbewusst abläuft, ist es eine gute Idee, bei einer Aversion gegen etwas zu schauen, ob es an einem Wort liegt oder an einem „Prinzip“, das hinter einem Vorhaben steckt. Wenn ich mich als EinzelunternehmerIn etwa einerseits in meinem Feld mehr bekanntmachen will, aber andererseits ein Problem mit „Selbstmarketing“ habe, dann kann das die Sperre sein. Dann ist das Wort „mich sichtbar machen“ angenehmer für mich und sogar motivierender.

Das gilt auch, wenn du in einem Buch, Blog oder Kurs eine eigentlich hilfreiche Übung bekommst, mit der du über dich reflektieren sollst oder angeregt wirst, ganz praktisch im Alltag etwas zu tun. Denn wenn hier Widerwille oder Halbherzigkeit durch ein Wort ausgelöst wird, legst du dir ein Ei. Möglicherweise ohne es zu merken!