Wo fängst du zu viel auf?

Wenn es darum geht, Vorhaben zu verfolgen, denken viele an Neues oder brachliegende Projekte. Als Einzelunternehmen gehört unbedingt dazu, das, was ist, konsequent zu hinterfragen. Selten haben wir Ressourcen einfach so übrig, aber immer gibt es etwas zu optimieren.

Heute will ich deinen Fokus auf Dinge richten, wo es ganz klar eine Schieflage gibt.

Wer der Maßstab dafür ist? – Du! Wir wissen ganz genau, wenn ein Arrangement sich nicht ausgewogen genug für uns anfühlt. Frag dich mal: Wo fängst du zu viel an deinem Ende auf?

Mit „auffangen“ meine ich:

Alle kleinen und großen Anlässe, bei denen du an deinem Ende einen Mehraufwand hast oder ungünstigere Bedingungen aushältst, obwohl sie ein anderer verursacht hat.

Deals, bei denen das Win-Win zum „Hier-gewinnt-nur-einer-und-das-ist-der-andere“ wird: Du ziehst den Kürzeren oder schaust gar mit dem Ofenrohr ins Gebirge.

zum Beispiel:

  • Du sollst Vorträge halten oder Artikel liefern, doch dein „Geschäftspartner“ bezahlt dich weder, noch kann er einen echten Vorteil für dich garantieren.
  • Kunden trödeln ohne Not, setzen dich jedoch kurz vor knapp unter Druck, damit die Deadline noch erreicht wird.
  • Ein Kunde erwartet, dass du ihm ewig hinterherläufst, um relevante Informationen oder dein Geld zu bekommen (umgekehrt wurde natürlich erwartet, dass du prompt lieferst).
  • Es gibt vorgegebene oder tatsächliche Schwierigkeiten beim Auftraggeber, die aus irgendwelchen Gründen von dir ausgebadet werden sollen.

Mein Lieblingsbeispiel ist die Teilnehmerin eines Online-Workshops, die zwei Wochen lang nicht mitgemacht hat, weil sie lieber mit ihrer Schwiegermutter bummeln und Kaffeetrinken gegangen ist (ihre Worte!) – zwei Tage vor Ende meinte sie, sie würde gern beim nächsten Termin dann noch mal mitmachen, weil sie ja jetzt so wenig Zeit hatte.

Oder einige Workshop-Teilnehmer, die monatelang einen Platz blockiert haben und dann kurz vorher gesagt haben „Oh, jetzt hab ich einen neuen Auftrag, drum kann ich jetzt nicht den Workshop machen und hätte gern von dir einen Vorschlag, wann ich ein andermal mitmachen kann.“

Doch es sind nicht nur unverschämte Auffang-Forderungen. Bitte denk auch an Situationen, wo du durchaus nachvollziehen kannst, was geschehen ist. Ich hatte zum Beispiel schon öfter Teilnehmer in Kursen, die krankheitsbedingt aufhören mussten. Anfangs habe ich sogar das aufgefangen, denn es ist ja blöd für Teilnehmer, wenn sie krank werden – kennt man ja selbst. „Machen sie ja nicht absichtlich! Hab ich ja Verständnis!“

Bei allem Verständnis für die Misere: Das ist eigenes Risiko, nicht das des Selbstständigen. Wenn erwartet würde, dass jedes Unternehmen für Befindlichkeiten, Launen und Prioritäten von Kunden sämtliche Absprachen und Verträge über den Haufen wirft und auf eigene Kappe nimmt, wären die meisten schnell pleite.

Damit wir uns richtig verstehen: Natürlich ist Hilfsbereitschaft oder ein Zugeständnis, das du überlegt und gerne machst, eine gute Sache.

Hier heißt es dennoch, ganz genau hinzusehen:

Was sind typische Situationen, wo du anderen mehr entgegenkommst, als sich gut für dich anfühlt (und als es sich für dich rechnet)?  – Denk nicht nur an Geld. Auch wenn natürlich beispielsweise alte Honorar-Vereinbarungen, die nie aktualisiert werden, ebenfalls darunter fallen. Das ausführliche Konzept, das bei einem Angebot anhängt, die „Arbeitsprobe“, nachträgliche Änderungen oder das Liefern von Daten gehört dazu.

Gibt es Auftraggeber oder Kunden, die standardmäßig etwas von dir einfordern, mit dem du nicht ganz glücklich bist? Etwa ständig den Preis reduzieren wollen; stets auf den letzten Drücker die Sachen bringen; wirre Informationen liefern, sodass du sehr viel mehr Arbeit an deinem Ende hast und diesen Aufwand nicht oder nicht rentabel genug berechnest. Vergiss nicht die netten Menschen, etwa den Lieblingskunden, der ständig zwischendurch „nur mal kurz“ mit einer Frage oder einem Problem anruft, was nüchtern betrachtet ganz schön Arbeitszeit bindet und aus dem Arbeitsalltag reißt.

Hast du Kollegen oder bist in Arbeitsgruppen aktiv, wo du das Gefühl hast, dass du mehr auffangen musst, als fair ist? Das können andere sein, die nichts tun, weil sie sich drücken, aber es sind vielleicht einfach Leute, die reaktiver sind oder nicht genau wissen, was/wie zu tun ist. Es kann durchaus sein, dass das Arbeitstempo so ungleich ist, dass dein Output oder die Arbeitslast vor Abgabeterminen zwangsläufig viel größer ist. Guck bei sowas bitte selbstkritisch hin: Manchmal ist dieses Auffangen etwas, das man von sich aus macht, weil man anderen gar nicht die Chance lässt, nicht delegieren kann, o. Ä.

Machst du öfter mal Abstriche oder tust jemandem einen Gefallen, bei dem du dich gleichzeitig nicht wohlfühlst? Vielleicht, weil ein Bekannter sagt: „Du machst doch [Beruf einsetzen] kannst du mal kurz für mich … [den PC richten; meinen Flyer designen; mir bei der Steuererklärung helfen; mich bei meinem Problem coachen …]

Ein guter Maßstab ist das Magengrummeln

Damit du beim Überlegen nicht vorschnell auf die „Ach, ist doch egal“- oder die „Ich bin doch gerne hilfsbereit“-Schiene gerätst: Es geht um Situationen, in denen du davor, währenddessen oder nachher eine dieser Arten von Aber-Magengrummeln bekommst:

„Ich hab das zwar gerne gemacht, aber unterm Strich …“ [Dann die negative Bilanz konkret anschauen – sogar, wenn man für eine Person gerne ein Zugeständnis macht, kann es dennoch ungute Konsequenzen an anderer Stelle haben].

„Ich hab jetzt zwar ein Zugeständnis gemacht, aber eigentlich wollte ich das nicht – oder zumindest so nicht!“ [z. B. Du hast dich runterhandeln oder rumkriegen lassen, obwohl du ganz oder teilweise „nein“ sagen wolltest.]

Anstatt immer nur auf das Neue zu schauen: Optimiere deine Situation und dein Gefühl, indem du für Ausgewohnheit sorgst und nicht alles komplett an deinem Ende auffängst. Vor allem nicht da, wo das ABER mehr als deutlich ist.